Medien : Schlager und Rebellion

Ein Porträt über Gitte Haenning zeigt, was für eine großartige Jazz-Sängerin sie hätte werden können

Christian Schröder

Für den Auftritt, der sie 1963 in Deutschland berühmt macht, hat sie sich ihre Haare abschneiden lassen und in ein supereng tailliertes Kleid gezwängt. Sie schreitet einen Laufsteg hinab, baut sich vor Blumenrabatten auf und singt: „Ich will ’nen Cowboy als Mann.“ Gitte Haenning, 16, gewinnt die damals live im Fernsehen übertragenen „Deutschen Schlagerfestspiele“ in Baden-Baden, Marlene Dietrich überreicht ihr eine Trophäe, beim Festbankett darf die Nachwuchssängerin auf dem Schoß des Weltstars sitzen. Von nun an ist sie für die Deutschen Gitte, das blonde Schlagermädchen mit dem entzückenden dänischen Akzent.

„Die Unschuld, das Reine, das Blonde, das war alles, was ich hatte, um dieses Lied vorzutragen“, sagt sie heute. Einen Großteil ihrer Karriere hat Haenning darauf verwandt, vom Image des kurios radebrechenden Dänen-Schlagermädels loszukommen. Sie hat gegen Plattenbosse und Texter rebelliert, Jazz gesungen und sich zu Disco-Beats mit Stücken wie „Freu dich bloß nicht zu früh“ oder „Ich bin stark“ als ich-starke Entertainerin inszeniert. Zeitweilig brach sie völlig mit der Musikbranche. Doch die Leute wollen bis heute immer wieder „Ich will ’nen Cowboy als Mann“ von ihr hören. Inzwischen hat sich Gitte mit ihrem größten Hit versöhnt: „Es ist ein Lied mit Persönlichkeit.“

„Ich will alles“ heißt ein zum 60. Geburtstag der Sängerin entstandener Film, der von Gitte Haennings bis heute nicht beendetem Kampf um Selbstbehauptung erzählt. Sie war acht, als ihr Vater, ein mäßig erfolgreicher Folklore-Sänger, mit ihr die dänische Version des Conny-Froboess-Erfolgs „Ich heirate Papi“ aufnahm und sie zum größten skandinavischen Kinderstar trimmte. Mit 13 emanzipierte sie sich, sagte dem Vater, sie fände die gemeinsamen Auftritte „nicht mehr geschmackvoll“, und begann eine Solokarriere in Deutschland. Von ihrer Plattenfirma wurde sie mit Rex Gildo zum Traumpaar zusammengespannt, die Illustrierten meldeten bereits die Verlobung. Gildo war in Wirklichkeit schwul, Gitte mit einem Jazzbassisten liiert.

„Meine Gefühle sind keine Ware“, fand die Sängerin und kündigte – ein in der Schlagerwelt bis dato unbekannter Akt der Rebellion – die Zusammenarbeit mit ihrem Produzenten auf. Der Berliner Regisseur Marc Boettcher, bekannt geworden mit Dokumentationen über Alexandra und Bert Kaempfert, lässt Haenning und Weggefährten wie Fritz Rau, Knut Kiesewetter oder Udo Lindenberg zu Wort kommen. Das Beste an „Ich will alles“ sind die Szenen aus Filmen und Fernsehshows, die Boettcher ausgegraben hat. Da singt Gitte „My World is Music“, und man sieht, was für eine großartige Jazz-Performerin aus ihr hätte werden können.

„Ich will alles – Die Gitte Haenning Story, NDR, 23 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben