Medien : Schlagzeile und Sühne

Der Skandal um das Magazin „Forbes“ von Springer Russia weitet sich aus

Elke Windisch[Moskau]

Der Moskauer Tiefbaukonzern Inteco droht Axel Springer Russia erneut mit dem Kadi. Der Grund: Die Titelstory der von Springer herausgegebenen russischen Version des US-amerikanischen Wirtschaftsmagazins „Forbes“, die schon am vergangenen Freitag für einen handfesten Skandal gesorgt hatte (der Tagesspiegel berichtete). Stein des Anstoßes ist ein Artikel, in dem es um Inteco und dessen Chefin, Jelena Baturina, geht. Die 43-Jährige ist die Ehegattin von Moskaus Oberbürgermeister Jurij Luschkow und Russlands mit Abstand reichste Frau. Ihr Privatvermögen wird auf 2,4 Milliarden US-Dollar geschätzt. Baturina, die wegen Verflechtung von Macht und Wirtschaft mehrfach für Negativschlagzeilen gesorgt hatte, sollte sich bei „Forbes“ Russia zu den geschäftlichen Perspektiven von Inteco äußern, sobald Luschkow nicht länger Oberbürgermeister von Moskau ist. Seit 2005 werden die Verwaltungschefs der Regionen nicht mehr gewählt, sondern von Putin ernannt. Der aber hat ein stark gestörtes Verhältnis zu Luschkow.

Die heiße Story sollte am vergangenen Freitag ausgeliefert werden. Doch Baturina beanstandete, dass sie nicht ganz korrekt zitiert worden sei. Zu Recht. „Meine Rechte sind geschützt“, hieß es auf der ersten Titelseite. Dieses Zitat war aus dem Zusammenhang gerissen. Vollständig hättes es heißen müssen: „Meine Rechte sind wie die Rechte aller Investoren geschützt.“ Klartext: Ich, Jelena Baturina, erhalte keine Sonderbehandlung.

Die Redaktion, so Chefredakteur Maxim Kaschulinskij, habe dann am Dienstag letzter Woche ein neues Titelblatt mit dem korrekten Zitat drucken lassen, was von Inteco abgesegnet wurde. „Irgendwie“, so Kaschulinskij, hätte der Konzern jedoch Zugang zu dem gesamten Text bekommen. Emissäre Baturinas seien bei der Verlagsleitung aufgekreuzt und hätten mit Klage gedroht. Die Springer-Leute hätten daraufhin den Verkauf gestoppt. Die Anweisung dazu, so Kaschulinskij, der den Knatsch bei Radio „Echo Moskwy“ Freitag früh an die große Glocke hängte, sei direkt von Regina von Flemming, der Vorstandschefin von Springer Russia, gekommen.

Vor allem das schockte hiesige Journalisten. Für sie, so Anna Katschkajewa, die Medienexpertin des russischen Dienstes von Radio Liberty, sei „unvorstellbar“, dass jemand, der „in einer Demokratie aufgewachsen ist, derartig antidemokratische Entscheidungen trifft und vor den Mächtigen in Russland einfach einknickt“. Der US-amerikanische Mutterkonzern von „Forbes“ Russia sah das offenbar ähnlich und verlangte, das Magazin unzensiert auszuliefern. Wenn nicht, würde Springer die Nachdruck-Lizenz entzogen. So jedenfalls Kaschulinskij, der Springer vorwarf, mit der Zensur auch gegen russisches Presserecht verstoßen zu haben und aus Protest zeitweilig als Chefredakteur zurücktrat.

No comment hieß es bei Springer Russia, der Mutterkonzern in Berlin meldete sich erst gegen Freitagmittag zu Wort. Die Auflage sei nicht eingestampft worden, man hoffe, Kaschulinskij mache weiter. Aber erst, wenn die Nummer unzensiert ausgeliefert ist, ließ dieser dann per „Echo Moskwy“ seinem Arbeitgeber ausrichten. Montag früh bedauerten der Verlag und dessen russische Tochter, „öffentlich den Eindruck erweckt zu haben, dass die Redaktion nicht nach allerhöchsten journalistischen Standards gearbeitet habe“. Die Redaktion bedauerte, „öffentlich Zweifel an der journalistischen Unabhängigkeit von Axel Springer geäußert zu haben“. Am Abend standen die Inteco-Leute erneut auf der Matte: diesmal mit der Forderung nach Offenlegung der Quellen. In dem Artikel zu Baturina, so Inteco-Sprecher Gennadij Terebkow, sei „eine Reihe von Fakten entstellt“ worden. Auch hätten Verlag und Redaktion „das Format ohne Rücksprache“ mit Inteco geändert. Im Klartext: Baturina war offenbar davon ausgegangen, dass ihre Auslassungen als Interview veröffentlicht werden. Ohne Kommentar der Redaktion und ohne Wertungen Dritter – eben jener „Quellen“, deren Offenlegung der Konzern jetzt fordert. Ein schriftliches Gesuch an Springer Russia, so der Inteco-Sprecher, sei bereits in Arbeit, im Weigerungsfall würde Inteco klagen.

Nur das Gericht kann laut geltendem Gesetz Verlag und Redaktion zur Offenlegung von Quellen verdonnern. Chefredakteur Kaschulinskij wunderte sich daher sehr, dass die Baturina-Truppe „den Umweg über den Verlag“ nahm. Für andere ist der Fall klar. Vorstandschefin von Flemming, so Leonid Berschidskij, Chefredakteur von „Smart Money“, in einem Interview für die Tageszeitung „Kommersant“, habe schon beim ersten Angriff von Inteco „geschwächelt“. Daher versuche der Baukonzern, sie jetzt erneut unter Druck zu setzen.

Für die Redaktion von „Forbes“ Russia, fand Berschidskij, sei der Skandal ein Volltreffer. Für den Verlag auch. Aber mit negativem Vorzeichen.

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