Medien : Schlammschlacht um Rosie

Das US-Magazin von Gruner + Jahr setzte auf die „Sauberfrau“ Rosie O’Donnell. Doch dann brach sie mit ihrem Image

Marc Pitzke[New York]

Klar ist sie wütend. „Wut“, sagt Rosie O’Donnell, „ist die Grundlage von Comedy“. Und daraus hat die amerikanische Entertainerin eine steile Karriere gemacht: von schlüpfrigen Stand-Up-Witzen in rauchigen Clubs über Filmrollen mit Girlfriend Madonna bis hin zur erfolgreichsten Talkshow im US-Fernsehen. Am Ende war sie zwar immer noch wütend-lustig, aber auch reich und berühmt.

Für die Herrschaften bei dem Verlag Gruner + Jahr mit Sitz in Hamburg ist Rosies Rage inzwischen jedoch alles andere als komisch. Auf dem Zenit ihres Ruhmes (sie hatte gerade mal wieder einen „Emmy“-Fernsehpreis kassiert) warben sie O’Donnell an, ihrem staubigen US-Frauenmagazin „McCall’s“ einen neuen Anstrich und einen neuen Namen zu geben: „Rosie“. Und damit begann das Elend – für „Rosie“, für Rosie und für ihre teutonischen Verleger. Zwei Jahre später stehen sich beide Seiten jetzt in New York vor Gericht gegenüber, im bittersten und zugleich faszinierendsten Prozess, den die hiesige Medienbranche seit langem erlebt hat. Es geht um über hundert Millionen Dollar, um Vertragsbruch und Betrug, um Macht, Gier und verlegerische Kompetenz, um den guten Ruf eines sonst so kultivierten Zeitschriftenverlags sowie das Image einer der beliebtesten Promis der TV-Nation. Wie konnte das geschehen?

„Rosie“ ist vor allem die Geschichte einer eklatanten publizistischen Fehlkalkulation. Für G + J schien O’Donnell – in Deutschland allenfalls aus ihren Hollywood-Nebenrollen („Schlaflos in Seattle“, „Eine Klasse für sich“) bekannt – ein Auflagengarant: Ihre tägliche TV-Talkshow, in der sie Stars wie Tom Cruise umgurrte, für Kinderrechte warb und Broadway-Shows anpries, fuhr pro Jahr 180 Millionen Dollar Werbegelder ein. Sie hatte, trotz ihrer burschikosen Frotzeleien, das perfekte Sauberfrau-Image. O’Donnell hielt die Plüschpuppe „Elmo“ in die Kameras – und prompt war die am nächsten Tag ausverkauft.

Die Idee, den Erfolg in eine Zeitschrift umzumünzen, stammte ursprünglich vom O’Donnell-Lager. „Wir versuchten, die fröhlich-freche Qualität der Show zu Papier zu bringen“, sagt Verlagsveteranin Annalyn Swan, die „Rosie“ mitentwickelte. „Wir dachten, ein Magazin könnte ihren Humor einfangen und die Fragen ansprechen, die ihr wichtig waren.“

Damit ging O’Donnell hausieren. Nach diversen Absagen, darunter von Time Inc., biss G + J USA Publishing an, der US-Ableger des Hamburger Zeitschriftenhauses. Der Verlag G + J, der in Amerika einen eher plauschigen Lesezirkel unterhält („Parents“, „Family Circle“, „YM“), sah in „Rosie“ den Rettungsreifen für sein Verlustobjekt „McCall’s“, ein Hausfrauenblatt, das pro Monat zwei Millionen Dollar verlor.

Im Juli 2001 wurde „McCall’s“ beerdigt und als „Rosie“ wiederbelebt. Es war eine 50/50- Partnerschaft: O’Donnell investierte ihren Namen und sechs Millionen Dollar, im Gegenzug für eine leitende Beraterfunktion.Doch G + J hatte eins übersehen: Das Image der jugendfreien „Queen of Nice“ („Newsweek“) war nur eine Fassade, zurechtgezimmert für eine seichte Talkshow.

Die wahre Rosie war und ist launisch, cholerisch und hat, was sie hier zu Lande ein „foul mouth“ nennen. Sie selbst schreibt das dem frühen Tod der Mutter zu, der sie seit dem zehnten Lebensjahr im Trauma eingefroren habe: „Das ist mein emotionales Alter.“

Das merkten auch die TV-Zuschauer. Nicht selten brach die „wahre“ Rosie durch, live und ungeschnitten. Zum Beispiel, als sie den Serienhelden Tom Selleck wegen seiner Anzeigenkampagne für die US-Waffenlobby NRA zwar berechtigt, doch derart gnadenlos angriff, dass der fast aus dem Studio stürzte.

Auch bei „Rosie“ bekamen sie die neue Rosie zu spüren. Ungeachtet des Mainstream- Appeals, das sich das Magazin verordnet hatte, hob O’Donnell unbekannte Verwandte und halbbekannte Freunde ins Blatt und aufs Cover. Etwa die Soulsängerin Macy Gray – woraufhin die Auflage gleich von 600 000 auf 225 000 Exemplare abstürzte. Leserfavoriten wie die Sitcom-Sirene Jennifer Aniston lehnt sie dagegen strikt ab. „Es war, als gebe eine Fünfjährige eine Zeitschrift heraus“, sagt eine Ex-Mitarbeiterin. Wutausbrüche, Schreianfälle und Wortgefechte sollen in der Redaktion an der Tagesordnung gewesen sein. Eine Redakteurin war so verängstigt, dass sie um eine Leibwache bat.

Dann, in einem cleveren PR-Coup für ihre Autobiografie, outete sich O’Donnell als Lesbe und gab im Juli 2002 ihre TV-Show auf – aus „Langeweile“. Mit neuer Punkfrisur ging sie wieder auf Comedy-Tournee durch die Clubs. Doch plötzlich war ihr Humor nicht mehr so jugendfrei. Unter ihren Opfern: Michael Jackson, Bill Clinton und die Comedian Joan Rivers, der sie vorhielt, nach ihrem Facelifting „wie eine Außerirdische“ auszusehen.

Auch den „Rosie“-Lesern verordnete O’Donnell auf einmal schwere redaktionelle Kost: Reportagen über Brustkrebs, Depression, Gehirnoperationen. Das war G + J zu düster – und es verkaufte sich auch nicht.

Am Ende lief alles auf einen Machtkampf hinaus zwischen O’Donnell und Dan Brewster, dem Chef von G + J USA, dem zurzeit nachgesagt wird, er könnte eventuell in den Vorstand von Europas größtem Zeitschriftenverlag aufrücken. Brewster installierte an O’Donnell vorbei eine neue Chefredakteurin, die einstige „People“-Vizechefin Susan Toepfer, die das Blatt wieder damenfreundlich machen sollte. Als sich O’Donnell daraufhin weigerte, für ein „Rosie“-Cover Modell zu stehen, bestellte Brewster die gesamte Redaktion zum Krisentreffen – in O’Donnells Büro, doch in ihrer Abwesenheit.

Daraufhin hatte sie die Nase voll. Im Oktober 2002 versetzte O’Donnell „Rosie“ den Todesstoß, indem sie sich in einer dramatisch inszenierten Pressekonferenz von dem Blatt distanzierte und ihren Namen zurückzog. 120 Mitarbeiter verloren ihren Job. Ihren Lieblingsredakteuren gab sie, als habe sie ein schlechtes Gewissen, 10 000-Dollar-Schecks mit auf den Weg.

G + J reagierte. Der Verlag verklagte O’Donnell auf Vertragsbruch und 100 Millionen Dollar Schadensersatz – der kalkulierte Verlust aus der Einstellung von „Rosie“. O’Donnell habe ihren Part nicht erfüllt, indem sie sich „von der warmen, spaßigen ,Queen of Nice’ zur selbst ernannten ,Über-Bitch’ transformiert“ habe, heißt es in der Klageschrift. Und: „O’Donnells bizarres und oft bösartiges Benehmen hatte zur Folge, dass es G + J schwierig und letztlich unmöglich wurde, das Magazin weiter zu veröffentlichen.“

O’Donnell legte Gegenklage ein, die Schadenssumme auf 125 Millionen Dollar erhöhend. „Ihr Name und ihre Integrität stehen auf dem Spiel“, sagt ihre Publizistin Cindi Berger. Außerdem habe G + J die Bücher manipuliert, um einen vertragsgemäßen Ausstieg O’Donnells zu sabotieren. Beide Seiten fahren erfahrene Kanoniers auf: O’Donnell lässt sich von der ehemaligen Generalstaatsanwältin Mary Jo White vertreten, G + J von George Frampton, einst Berater von Al Gore und Ministerialrat in Washington.

Das Oberste Gericht des Bundesstaats New York terminierte die Vorverhandlung jetzt auf den 30. September; zum Prozess soll es spätestens im November kommen. Bis dahin bleibt allen genug Zeit, saftige Interna an die Boulevardpresse zu lancieren. Zum Beispiel jenen delektierlichen, bezeichnenden Wortwechsel zwischen Dan Brewster und O’Donnell, der sich in beiden Klageschriften fast wortgleich wiederfindet. „Brewster sagte: ,Ich werde dich ruinieren.’ O’Donnell erwiderte: ,Du willst mich fertig machen? Da nehme ich dich mit.’“

Zumindest darin kann sich O’Donnell am Ende also bestätigt sehen: Wut ist in der Tat die Wurzel jeder (Tragig-)Komödie.

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