Schluss mit "Wetten,dass..?"! : Vorbei ist vorbei

Der Plan ist absurd: Das ZDF will „Wetten, dass..?“ nach Gottschalks Abschied fortsetzen. Nachfolger wie Jörg Pilawa werden genannt, deren Potenzial begrenzt ist. "Wetten, dass..?" geht nur mit Gottschalk, denn er ist größer als die Show selbst.

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Gast, nicht Gastgeber. Jörg Pilawa (rechts) soll im ZDF als Favorit für die Nachfolge von Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass..?“ gelten. Das übersteigt Pilawas Fähigkeiten.Foto: dpa
Gast, nicht Gastgeber. Jörg Pilawa (rechts) soll im ZDF als Favorit für die Nachfolge von Thomas Gottschalk bei „Wetten,...Foto: dpa

Wie es wohl für Jörg Pilawa war, am Samstagabend, als Thomas Gottschalk zu Beginn der „Wetten, dass..?“-Sendung in einer sehr zwingenden Mischung zwischen Souveränität und Dringlichkeit seinen Zuschauern mitteilte, dass er diese Show nicht mehr weiter moderieren könne nach all dem, was in der letzten Ausgabe passiert war, als der Wettkandidat Samuel Koch so schwer stürzte, dass er gelähmt ist. Er mache diese Staffel noch zu Ende, sagte Gottschalk, tatsächlich ist es etwas komplizierter: Am 30. April moderiert er seine letzte reguläre „Wetten, dass..?“-Sendung, im Juni dann die Sommerausgabe aus Mallorca, im Herbst folgen drei Spezialshows. Dann erst ist es wirklich vorbei mit Thomas Gottschalk und „Wetten, dass..?“. Und was notierte sich also Jörg Pilawa in seinen Terminkalender, als er all das hörte?

Jörg Pilawa kam vergangenes Jahr von der ARD zum ZDF, er moderierte seitdem ein paar Ausgaben von „Rette die Million!“, einer Show, die nach der katastrophalen Auftaktsendung nicht besser geworden ist und bei der man den Verdacht nicht los wird, die Redaktion sorge für durchgängig unsympathische Kandidaten, um so die Sympathiewerte von Pilawa ins Unermessliche zu steigern. Ein Plan, um ihn zum ersten Nachfolgekandidaten für Thomas Gottschalk zu machen? Jedenfalls liest und hört man den Namen Pilawa in den Stunden nach Gottschalks Rücktritt am häufigsten, denn dass die Show nicht mit dem Abgang des Moderators beendet sei, hat ZDF-Intendant Markus Schächter angekündigt. Der Sender werde mit Gottschalk weiterarbeiten und für die Präsentation von „Wetten, dass..?“ einen Nachfolger suchen. In der „Bild am Sonntag“ schreibt der Mann, der vergangene Woche bereits Monica Lierhaus zur besten Moderatorin aller Zeiten hochgeschrieben hat, es stehe bereits fest, dass Pilawa „Wetten, dass..?“ moderiere. Pilawa habe sich bei seinem Wechsel verbindlich zusichern lassen, „erster Ansprechpartner des Senders zu sein“, falls Gottschalk abtritt.

Im September allerdings sagte Pilawa der dpa, als er nach seinen „Wetten, dass..?“-Ambitionen gefragt wurde: „Es war weder ein Wunsch vom ZDF noch eine Forderung von mir bei unseren Gesprächen. Wenn es bei einer Show in Deutschland momentan keinen Handlungsbedarf gibt, dann ist es ,Wetten, dass..?’. Wenn das ZDF die Show eins zu eins fortführen sollte, wäre dies ein Genickschuss für jeden, der sich nach Gottschalk auf das Sofa setzen würde.“ Jetzt besteht dieser Handlungsbedarf – allerdings bewies Thomas Gottschalk mit seiner Leistung am Samstag, dass es tatsächlich ein Genickschuss wäre.

In den vergangenen Jahren wurde die Kritik an Gottschalk – auch von dieser Stelle – lauter. Amtsmüde sei er, er langweilige sich in dem Format, seine Moderationen seien lustlos, er zeige sich weder an den Wetten noch an den Gästen interessiert. Aber wie zum Beweis, dass seine Kritiker Unrecht haben – und als Warnung an alle anderen, die sich das Format zutrauen, legte Gottschalk am Samstag einen Galaauftritt hin. Allein seine Rücktrittsansprache zeigte, dass da einer ist, der das Medium Fernsehen, den Sinn von Unterhaltung und das Publikum nicht nur verstanden hat, sondern auch in jeder Sekunde weiß, wie man damit umzugehen hat. Anders als Hosni Mubarak, den Gottschalk mit zwei Witzen bedachte, würdigte sich der Entertainer mit keiner Silbe selbst. Er verschwand während seiner Rede hinter dem Unfall von Samuel Koch und der Bedeutung von „Wetten, dass..?“. Das Fehlen von Sentimentalitäten zeugt von Gottschalks Größe – und von der Festigkeit seines Entschlusses.

Und nach diesen fünf Minuten machte Gottschalks dann das, was niemand außer ihm im deutschen Fernsehen kann: Er legte einen Schalter um, er funktionierte, er moderierte, er unterhielt sein Publikum. Diese Leistung ist umso höher zu bewerten, wenn man bedenkt, welch Dutzendware ansonsten durch die Show irrlichterte. Die meisten Musikeinlagen waren irgendwann vielleicht mal spannend, nicht aber im Jahr 2011. Take That, Roxette – Hits der frühen 90er Jahre. Langweiliger Musical-Kram von und mit und über und wegen Udo Lindenberg, den selbst Gottschalk dann doch ein wenig zu kaputt findet. Auf dem Sofa die gähnende Langweile deutscher Prominenz; leider kam Max Raabe erst zum Schluss, denn er bewies, wie das eigentlich gehen könnte: ein deutscher Popstar sein.

Gottschalk muss das nicht mehr beweisen. Dachte er viel zu lange. Und bewies es am Samstag, während die Show bewies, dass sie ohne ihn am Ende ist. Die Wetten erinnerten an betrunkene Männer, die sich am Stammtisch was Irres ausdenken, um ins Fernsehen zu kommen, aber das sind dann wohl die Wetten, die man machen kann, als Konsequenz auf den Unfall von Samuel Koch.

Vielleicht sah Jörg Pilawa das alles und dachte sich: „Nein. Das kann ich nicht. Das lass ich lieber.“ Pilawa ist ja nicht dumm, Pilawa weiß, dass seine Mittel limitiert sind. Das Problem ist, dass auch Nachfolgekandidaten genannt werden, die das nicht wissen: Der Name Markus Lanz fiel auch, aber es könnte sein, dass sich das betrunkene Männer am Stammtisch ausgedacht haben. Das ZDF kann die Lücke, die Gottschalk hinterlassen wird, nicht schließen. Tatsächlich sind Pilawa und Lanz die Einzigen, die der Sender hat. Das ZDF hat nicht Stefan Raab, dessen Engagement allerdings absurd wäre, denn Raab hat mit „Schlag den Raab“ eindrucksvoll bewiesen, wie moderne Showunterhaltung jenseits von „Wetten, dass..?“ aussieht.

ZDF-Programmchef Thomas Bellut saß in Halle im Publikum. Vielleicht sieht man im Saal nicht das, was man im Fernsehen sehen kann. Im Fernsehen sah man, dass Thomas Gottschalk aus einer Ansammlung von Mittelmäßigkeit und Belanglosigkeit drei Stunden Unterhaltung zaubern kann. Es war ein Fehler anzunehmen, die Show sei größer als der Moderator, sie ist es nicht. Gottschalk hat die Show getragen und vielleicht sollten man sich im ZDF noch mal die Sendungen anschauen, die Wolfgang Lippert moderiert hat. Gottschalk musste zurückkommen und retten, was Lippert von der Show nicht kaputtgelacht hatte.

Seitdem hielt Gottschalk den Laden zusammen. Er war der Einzige, der das konnte. Und jetzt kann er nicht mehr, weil er es nicht will. Und alle, die es statt seiner wollen, können es nicht. Thomas Gottschalk hat am Samstagabend nicht nur seinen Rücktritt, sondern auch das Ende von „Wetten, dass..?“ bekannt gegeben. Er hat an diesem Abend alles richtig gemacht.

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