Medien : Schlussstrich und Doppelpunkt Ein letztes Mal erscheint „Tempo“ am 24. November

Ulrike Simon

Solche Fragen können nur Hamburger stellen. Warum das „Tempo“-Jubiläumsheft in Berlin produziert werde, wunderte sich einer der Journalisten, denen am Mittwoch von der Neuauflage des 1996 eingestellten Magazins berichtet wurde; die Redaktion habe doch wie der Jahreszeitenverlag in Hamburg gesessen. Markus Peichl, der Erfinder und Gründungschef von „Tempo“, schaute amüsiert, bevor er antwortete: Die Hoffnung, Berlin würde das deutsche Washington und Hamburg könne New York spielen, dürfe als erledigt angesehen werden. „Berlin ist das deutsche New York.“

Ehemalige „Tempo“-Macher, aber auch Journalisten, die das 1986 gegründete Heft als Leser erlebt haben, machen sich in der Chausseestraße daran, das Kultblatt noch einmal aufleben zu lassen. 240 000 Exemplare à 4,50 Euro werden für den 24. November gedruckt. Die Resonanz ist groß.

Woher kommt die Verbundenheit mit einem Blatt, das seit zehn Jahren nicht mehr existiert? Für die einen mag „Tempo“ das Leben in der Provinz erträglich gemacht haben. Vor allem wirkte „Tempo“ 1986 jedoch befreiend, wenn nicht gar revolutionär. Es überraschte mit einer neuartigen Ich-Erzählweise, die später zu relevanzfreiem Betroffenheitsjournalismus mutierte. Es nannte die Dinge beim Namen, bewies Mut zu Haltung und klaren Aussagen – wenngleich manche Provokation gewollt wirkte. Das Bedürfnis, das „Tempo“ befriedigte, sei heute, in Zeiten von Konsens und großer Koalition, aktueller denn je, findet Peichl. Daher dürfe diese letzte „Tempo“-Ausgabe nicht in die Nostalgiefalle tappen, sondern müsse „einen Schlussstrich“ ziehen unter die vergangenen zehn Jahre und der „Doppelpunkt für die Zukunft“ sein.

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