Medien : Schmelzers Visionen

Markus Ehrenberg

Die Fußball-WM war doch am schönsten in der ARD, gerade in den letzten Tagen, wo es so heiß wurde. Allein der Gedanke an das raumschiffartige WM-Studio brachte gefühlte fünf Grad weniger, anders als bei Klopp/Kerner in der hitzigen ZDF-Arena am Potsdamer Platz. Wenn einem Netzer/Delling dann noch völlig losgelöst die Welt erklären, ist das besser als jede Klimaanlage, genauso cool wie die „Raportagen“ der Hip-Hop-Band „Blumentopf“ und wie Bernd Schmelzer.

Bernd Schmelzer? Genau, Bernd Schmelzer. Den Namen hat jeder Fußballfan schon mal gehört. Bernd Schmelzer ist der ARD-Mann für den Tag danach, der Mann für die Acht-Minuten-Beiträge zwischen den Spielen, der Mann, der einem erklärt, wie die Stimmung in der Nationalmannschaft nach dem Italien-Spiel ist, was das Heute mit dem Gestern zu tun hat und warum Klinsmann Bundestrainer bleiben sollte. All das, ohne geschwätzig zu sein, was sich ja nicht von jedem Reporter sagen lässt. Schmelzer macht keine große Fußballoper, sondern Kurzfeatures zur Lage der Fußballnation. Eine Art Sokrates zwischen den Kriegsmetaphorikern und Dauerjublern unter den TV-Kommentatoren. Schmelzers Material sind Spielszenen, Zitate, Großaufnahmen in freudestrahlende oder leere Gesichter. Man hat das alles schon gesehen und sieht es doch noch mal neu. Erst mit Schmelzers Visionen am Mittwochabend nach der „Tagesschau“ habe ich Italien verkraftet und die Ära Klinsmann wirklich verstanden.

Gut, auch dem Reporter des Bayerischen Rundfunks gehen verbal mitunter die Gäule durch („Obwohl Schwabe, spart Klinsmann nicht mit Wünschen“). Dafür hat Bernd Schmelzer aber den mit Abstand schönsten Satz im Humorarchiv des Fernsehsports: „Da lässt sie ihre Gegnerin stehen wie eine Peking-Ente“, einst gefallen im Kommentar beim 8:0 der deutschen Frauenfußballauswahl gegen China.

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