Medien : Schmerz der Finsternis

Das Erbe der Vandenbergs: Iris Berben rettet im ZDF eine hanseatische Kaffeedynastie vor dem Ruin

Katrin Hillgruber

Gedankenverloren wiegt Nina grüne, noch ungeröstete Kaffeebohnen in ihrer Hand, den Rohstoff des Vandenberg-Imperiums und das Symbol ihrer Kindheitssehnsucht nach Afrika, Segen und Fluch zugleich. Denn in Kenia wuchs die ebenso dynamische wie sensible Frau um die Fünfzig als Tochter eines Plantagenbesitzers auf. Das exotische Glück erfuhr ein jähes Ende, als eines Nachts ein entlassener Arbeiter ihr Elternhaus in Brand setzte; Ninas Vater und Schwester kamen dabei ums Leben. Ein Mädchen im Nachthemd, das starr vor Entsetzen auf ein Flammenmeer blickt, symbolisiert seitdem das Trauma der Hamburger Kaufmannsgattin Nina Vandenberg. Iris Berbens Lieblingsregisseur Carlo Rola, bewährt durch die langjährige Zusammenarbeit bei der Krimireihe „Rosa Roth“, lässt es an den entscheidenden Stellen seines luxuriösen Dreiteilers kräftig lodern und züngeln: „Die Patriarchin“ als öffentlich-rechtliche Feuertaufe für das noch ganz frische Fernsehjahr 2005 (siehe rechte Seite) – zu schön, wenn es bei diesem Niveau bliebe.

Beigegrundierte Businesskostüme und eine Leidensmiene in allen Variationen sind Iris Berbens wichtigste Gestaltungsmittel für die maßgeschneiderte Titelrolle der Patri- oder doch eigentlich Matriarchin. Neben besagtem Kindheitstrauma belastet sie eine jahrelange Trunksucht, die den familiären Zusammenhalt nachhaltig ausgehöhlt hat. Deshalb zieht es ihr Mann Gero (Michael König) vor, seinen Geburtstag fern von ihr mit seinen fünf Kindern aus zwei Ehen in Salzburg zu feiern, während sie alkoholisiert das Speisezimmer in Brand setzt. Der sinistre Gero segnet jedoch schon innerhalb der ersten Viertelstunde das Zeitliche, als er mit einem Koffer voller Schwarzgeld sein Privatflugzeug mit eindeutigen Fluchtabsichten besteigt und prompt im Eisregen abstürzt – von Frank Küpper brillant gefilmt.

Kaum erfährt Nina von einem Finanzbeamten (wie immer melancholisch nuanciert gespielt von Jürgen Tarrach), dass dem Kaffeeimperium 40 Millionen Euro illegal entzogen wurden, da ist sie schon gezwungen, das Witwenschwarz durch die Crèmetöne der Chefetage zu ersetzen. Die Unternehmerin wider Willen muss sich eines Heeres von Widersachern erwehren: Da wären der pubertierende Sohn Nils (Adrian Topol), der ihre aus Verzweiflung über einen Drogenexzess erteilte Ohrfeige tatkräftig erwidert und unentwegt das Mutterherz kränkt, mittelstandsfeindliche Behörden und Banken, vor allem aber Wolf Sevening. Der Neffe ihres Mannes steckt tief im Intrigensumpf und trachtet mit allen Mitteln nach der Geschäftsführung. Christoph Waltz spielt den fiesen Konkurrenten mit so aalglatter Nonchalance, dass es eine wahre Freude ist. Ihm zur Seite steht mit Nerzstola, nicht minder böse funkelnd, Sophie Rois: „Meine Frau sieht immer famos aus, wenn sie über Geld redet.“

Nichts wärmt an langen Winterabenden besser als Klischees von gut und böse, kalt wie Hamburg und warm wie Kenia, effektvoll inszeniert von einem rund zwanzigköpfigen Ensemble. „Ich finde unsere Kinder prima“, „Ich bin ein alter Hamburger Kaufmann“ oder „Afrika ist das Herz von Vandenberg“ lauten derartige Botschaften des Bewährten. Wie in der Werbung strahlen die Kaffeepäckchen frisch aus der Rösterei königsblaue Seriosität aus. Und Ninas knorriger, aber herzensguter Schwiegervater Gorm Vandenberg ist ein alter Bekannter: Alexander Kerst spielte wie Iris Berben ab 1987 in der ZDF-Serie „Das Erbe der Guldenburgs“ mit. Dieses Erbe tragen die Vandenbergs nun weiter, modernisiert durch Ninas unkonventionellen, „menschlichen“ Führungsstil und flache Hierarchien. Man kennt das aus anderen verklärenden Darstellungen des Arbeitslebens wie der Kaufhaussaga „Der große Bellheim“.

Hamburg, Wien, Kenia samt nächtlicher Begegnung mit einem Nashorn sowie Malta, wo sich die Scheinfirma „Aurelia Coffee Association“ schadlos hält: Drehbuchautor Christian Schnalke und Produzent Oliver Berben schicken das Personal der „Patriarchin“ weit herum. So versöhnt die geographisch bedingte Beschwingtheit der Handlung mit mancher Banalität. An den Details erkennt man die ästhetische Sorgfalt der Inszenierung: Eine fiktive Agentur für Seereisen der Luxusklasse, der Nina Vandenberg dringend ihren Kaffee verkaufen will, wurde der Optik wegen in die markante Eingangshalle von Hans Poelzigs Berliner „Haus des Rundfunks“ verlegt.

Nina Vandenberg wird als angebliche Steuersünderin verhaftet. Doch kaum ist sie dank einer Kaution wieder auf freiem Fuß, zieht es sie und ihre loyale Tochter Finja (Nadja Bobyleva) frei nach Joseph Conrad ins „Herz der Finsternis“, nach Kenia, wo sie den dunklen Urgrund des Betrugs wittert. Dort wartet auch ihr undurchschaubarer Verehrer Bent Peerson (Ulrich Noethen) auf sie, der personifizierte Jet Set mit Dreitagebart. Ob er das Herz der Unternehmerin des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts, gewinnen wird? Das verrät bis zum 9. Januar nur der Kaffeesatz.

„Die Patriarchin“, 3., 5. und 9. Januar um 20 Uhr 15, ZDF

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