Medien : Schmetterlinge in Wismar

Lisa, Nelly, Jule, Julia: Viel Herzschmerz im Herbst - warum Telenovelas einfach nicht totzukriegen sind

Markus Ehrenberg

Die Telenovela ist tot, es lebe die Telenovela. Auf diesen Gedanken könnte kommen, wer sich die TV-Flopps des ersten Halbjahres und die Serienstarts dieser Tage anschaut. Seit Dienstag läuft „Das Geheimnis meines Vaters“ im Ersten, ab Montag „Schmetterlinge im Bauch“ und am 4. September geht „Verliebt in Berlin“ mit neuem Hauptdarsteller weiter, beides auf Sat1. Darüberhinaus will die ARD „Sturm der Liebe“ um 200 Folgen verlängern und im November mit „Rote Rosen“ eine zweite Nachmittags-Telenovela ins Rennen werfen.

Überall wieder großer Herzschmerz, überall große Erwartungen. Dabei sah es vor ein paar Monaten noch so aus, als sei das 2004 mit „Bianca – Wege zum Glück“ im ZDF eingeführte Format nach kurzer Erfolgsgeschichte ein Auslaufmodell. „Biancas“ Abschied sahen 3,5 Millionen Zuschauer. Nachfolgerin „Julia“ hatte eine Million weniger. „Tessa“, noch ein ZDF-Versuch, wurde in die Nacht geschoben. Schlechte Quoten. Als im Frühjahr Pro7 mit „Lotta in Love“ auf den Siegeszug der TV-Groschenromane aufspringen wollte, war es viel zu spät. Lotta läuft jetzt sonntagmorgens. Ein altes Fernsehgesetz schien auch bei der Telenovela zu greifen: Was funktioniert, wird so lange kopiert, bis es der Zuschauer satt hat. Kein Redakteur bei Trost, sollte man meinen, wagt sich mit der Idee für eine Telenovela noch zum Unterhaltungschef.

Vielleicht verkauft die ARD „Das Geheimnis meines Vaters“ auch deswegen als Formatauffrischung: als „erste Krimi-Telenovela“. Erstmals in der Geschichte des deutschen Fernsehens werde eine Krimistory über 50 Folgen erzählt. Am Ende landet man aber wieder bei altbekannten Mustern: Junge, unverbrauchte Gesichter beiderlei Geschlechts, die trotz familiärer Widerstände unvermeidlich aufeinanderzusteuern. Da hilft selbst ein Krimiplot aus der Feder des Drehbuchautors Markus Stromiedel („Tatort“) nicht. Jule, eine 27-jährige Großstadtpflanze, kommt aus Berlin ins ungeliebte Wismar, um aufzuklären, ob ihr verschwundener Vater eine Frau umgebracht hat. Dann trifft sie Kai, den Kommissar, ihre Jugendliebe…

„Das Geheimnis meines Vaters“ ist allgegenwärtig, zumindest schon mal auf vielen Werbeplakaten in der Stadt. Ein Déjà-vu? Die letzte großankündigte Telenovela im Ersten, „Sophie – Braut wider Willen“, scheiterte im Winter grandios, nach 65 von über 100 geplanten Folgen. Da half der ARD auch der Name Yvonne Catterfeld nichts. Immerhin funktioniert „Sturm der Liebe“ am Nachmittag, mit rund drei Millionen Zuschauern. Deswegen werden jetzt 200 Folgen draufgelegt.

Man fragt sich: Was geht überhaupt bei einer Telenovela, was geht nicht? Geschichten eher für ältere Menschen (bei „Bianca“ war die Mehrheit der Zuschauer über 65 Jahre alt) oder für junge, wie bei „Verliebt in Berlin“? Dann hätten auch Lotta alle lieb haben müssen. Wenn es, abgesehen von einer starken Heldin, ein Erfolgsgeheimnis für eine deutsche Telenovela gibt – historische Kostüme à la „Sophie“ gehören offenbar nicht dazu. So gesehen passt die Ostsee 2006 schon mal gut. „Schmetterlinge im Bauch“ wahrscheinlich auch, obwohl die Heldin hier den umgekehrten Weg geht, aus der Provinz nach Berlin. Die zweite tägliche Serie von Sat1 ist die Nummer neun der jungen deutschen Telenovela-Geschichte und soll laut Hauptdarsteller Raphael Vogt eine „Romantic Comedy Telenovela“ sein. Alles entscheidende Frage auch hier: Ob Neu-Berlinerin Nelly und Nils nicht nur Nachbarn, gute Freunde, sondern auch Liebende sein können.

Es wird also der Herbst der Telenovelas – und der Programmplaner. „Schmetterlinge im Bauch“ gibt es um 18 Uhr 45, ein starker audience flow zu Lasten der „Sat1-News“ (was sagt eigentlich Anchorman Thomas Kausch dazu?), direkt vor „Verliebt in Berlin“, der mit vier Millionen Zuschauern erfolgreichsten deutschen Telenovela. Hier bei „ViB“, wie es die Fans nennen, scheint das „Aschenputtel-Thema“ ganz bei sich, sagt Medienforscherin Maya Götz : „Verkannt, missachtet und vom Märchenprinzen erwählt, das sind geheime Wünsche – auch oder grade bei starken selbstbewussten Mädchen. Bei der Telenovela besonders stark ist das Moment der ,tragischen Gefühlsstruktur’, die Erfahrung vieler Frauen: Glück ist nur die kurze Zeit zwischen zwei Enttäuschungen, die Hoffnung auf das gute Ende bleibt.“ Klingt wie ein Roman von Hedwig Courths-Mahler, doch Sat1 dürfte das egal sein. „ViB“ funktioniert mittlerweile so gut, dass es streng genommen gar keine Telenovela mehr ist. Statt geplanter 225 Folgen laufen mindestens 365 Episoden. Nun noch der Austausch der Helden. Alexandra Neldel steigt aus, Halbbruder Bruno (Tim Sander) übernimmt. Ende offen.

Deutschland sucht weiter Aschenputtel, Deutschland sucht die Super-Telenovela. Ob als Kopie, als Fortsetzung, mit mehr Humor oder Krimi, Glamour oder erdig, in Wismar oder doch wieder Berlin, immer der „Dramaturgie der verschärften Trivialität“ folgend, wie es Georg Seeßlen genannt hat. „Die hiesigen Telenovelas“, sagt Maya Götz, „müssen ihr Profil finden, im Moment ist es vor allem schnelle Produktion und reizvolles Label.“ So wie „Alles, was zählt“, eine Daily Soap mit Ex-Eiskunstläuferin Tanja Szewczenko, die RTL ab 4. September bringt, in direkter Konkurrenz zu „Geheimnis meines Vaters“, „Schmetterlinge im Bauch“ und „Verliebt in Berlin“. Die dritte tägliche RTL-Serie ist keine Telenovela, versichert eine RTL-Sprecherin. Mit Daily Soaps habe man gute Erfahrungen gemacht. Thematisch dürfte das aber kein allzu großer Unterschied sein. Alles, was zählt, ist eine junge Frau, Diana, die für ihren Lebenstraum kämpft: eine Karriere als Eisläuferin. Sie findet, man ahnt es, die große Liebe.

Lisa, Nelly, Jule, Julia, Diana – über den Tag verteilt laufen demnächst acht Telenovelas, dazu vier Daily Soaps. Fans haben die Qual der Wahl – oder einen Videorecorder. Eines ist sicher, die Zahl der rund sieben Millionen Seifenopern-Gucker in Deutschland wird nicht größer werden. ARD, ZDF, Sat1 und RTL werden sich am Vorabend verschärft Zuschauer wegnehmen. Die erste Folge „Das Geheimnis meines Vaters“ haben im Schnitt 1,5 Millionen gesehen. Bei „Sophie“ hat das nicht gereicht.

„Das Geheimnis meines Vaters“, ARD, Dienstag bis Freitag, 18 Uhr 50.

„Schmetterlinge im Bauch“, Sat 1, ab Montag, 18 Uhr 45

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