Medien : „Schnapsidee“

Ullrich-Vertrag: ARD-Programmchef Struve bereut

Joachim Huber

Zweifel sind erlaubt, Zweifel, ob die Rundfunkgebühren bei der ARD in guten Händen sind. Der Radprofi Jan Ullrich hat über einen Vertrag mit einer ARD-Werbetochter seit 1999 rund 200 000 Euro jährlich aus der Gebührenkasse erhalten. Der Kontrakt garantierte der ARD Exklusiv-Interviews und Showauftritte. Den 2003 verlängerten Vertrag haben die Intendanten der ARD gemeinschaftlich gebilligt, allerdings, wie wenigstens WDR-Chef Fritz Pleitgen zugab, ohne sich schlau gemacht zu haben, was denn da vereinbart worden sei.

In der ARD wird seit Bekanntwerden der Geheimverträge Buße getan. Die härteste Selbstgeißelung hat sich ARD-Programmdirektor Günter Struve auferlegt. In einer Pressekonferenz am Donnerstag hat er persönliche Versäumnisse beim Abschluss des Kontraktes mit Jan Ullrich eingestanden. „Ich hätte den Vertrag lesen können, ich hätte ihn lesen müssen“, sagte Struve. Er habe sich darauf verlassen, dass seine Mitarbeiter dies richtig eingefädelt hätten, und sich nur die Eckpunkte schildern lassen. Es sei „eine Schnapsidee“ gewesen, mit Ullrich von 2003 an zudem Sonderzahlungen für gewonnene Etappen und Rennen zu vereinbaren: „Man hätte das herausstreichen müssen“, sagte Günter Struve.

Nach Dopingvorwürfen gegen Ullrich 2002 sei der Vertrag zunächst ausgesetzt worden, 2003 eine neue Vereinbarung mit leistungsbezogener Bezahlung ausgehandelt worden. Die Garantiesumme habe um 35 000 Euro niedriger gelegen als im ersten Vertrag, sagte Struve. Nach der neuen Doping-Affäre vor der Tour de France 2006 habe der Sender den Vertrag mit Jan Ullrich gekündigt, ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf sagte, Ullrich habe 2006 nur noch die erste Rate der Honorarsumme erhalten, weitere Zahlungen seien gestoppt worden.

Zurücktreten will Günter Struve nicht; sein Vertrag als ARD-Programmdirektor läuft bis zum 30. April nächsten Jahres. Die Intendanten wollen den Vorgang Anfang nächster Woche beraten. Es sei deren Aufgabe zu entscheiden, sagte Struve, wie schwerwiegend sie seinen Fehler bewerteten. „Ich werde aber nicht um eine Vertragsauflösung bitten“, sagte er. WDR-Intendant Fritz Pleitgen schloss personelle Konsequenzen bereits aus.

Struve kündigte an, dass sämtliche Verträge mit aktiven Sportlern und auch solchen, die als Experten für das Fernsehen tätig sind, nicht mehr verlängert würden. Dies gelte derzeit für den Radprofi Erik Zabel, den Boxer Markus Beyer und die Fußball-Nationalspielerin Nia Künzer.

Die „Mea culpa, mea maxima culpe“-Rufe von Günter Struve verfolgen noch einen anderen Zweck. Weil er selbst die Verantwortung habe, stehe nicht der ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf zur Disposition. Struve hält große Stücke auf Boßdorf, über dessen Vertragsverlängerung als Sportkoordinator die ARD-Chefs in Schwerin entscheiden werden. Boßdorf hatte an den Verhandlungen des Anfang 2003 erneuerten Vertrages mit Ullrich mitgewirkt und auch dessen Autobiografie „Ganz oder gar nicht“ mitgeschrieben.

Der Journalist sieht sich weiterhin mit Vorwürfen der Stasi-Verstrickung konfrontiert. Gestern kam neuer Ballast dazu. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat ein Ermittlungsverfahren gegen Boßdorf eingeleitet. Es habe sich ein Anfangsverdacht auf Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung ergeben, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Ehlers. Außerdem werde wegen versuchten Prozessbetruges gegen Boßdorf ermittelt.

Der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, hatte im April gegen den Sportjournalisten Anzeige erstattet. In einem Unterlassungsverfahren vor dem Landgericht Hamburg habe Boßdorf im Dezember 2005 an Eides statt erklärt, dass er erst kürzlich von der Weitergabe seiner Briefe an den DDR-Staatssicherheitsdienst erfahren habe, teilte Knabe mit. Der für Boßdorf zuständige Stasi-Offizier habe jedoch zugegeben, dass er mit ihm über die Briefe schon zu DDR-Zeiten gesprochen habe. Laut Knabe wurde auch gegen diesen Mann ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

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