Medien : Schneller, greller, lauter

Medienprofessor Josef Hackforth über den Fall „tz“ und den Hang des Sportjournalismus zu Marktgeschrei

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Herr Hackforth, die Münchner Boulevardzeitung „tz“ hat alle Meldungen zum angeblichen Wettskandal um den Bayern-Spieler Schweinsteiger und zwei Spieler von 1860 München widerrufen. Wie beurteilen Sie den Vorgang?

Die „tz“ hat vorschnell und ohne Beweise zu liefern sowie die eidesstattliche Erklärung des Informanten zu zitieren, zwei „Nachrichten“ verbreitet, die nachweislich falsch sind. A) Bastian Schweinsteiger sei ein „Beschuldigter“, und b) B.S. ist vom Staatsanwalt vernommen worden. Allein diese beiden Falschmeldungen sind für die betroffene Person mit vielen nachteiligen Wirkungen versehen. Bisher haltlose Gerüchte sind als „Faktum“ verkauft worden und mussten mittlerweile von der „tz“ auf der Seite 1 in gleicher Aufmachung und Schriftgröße widerrufen werden. Das ist die „Höchststrafe“ für den investigativen Journalismus.

Ist das ein Einzelfall oder sehen Sie darin eine generelle Schwäche des Sportjournalismus? Es muss, auch aus Gründen der Konkurrenz, eine sensationelle Exklusivmeldung her.

Die Medienlandschaft in Deutschland ist seit 1984, mit der Einführung des privaten Rundfunks, vielzähliger, aber nicht in gleichem Maße vielfältiger geworden. Nicht nur im Sportjournalismus ist eine neue Konkurrenzsituation entstanden, die den Kampf um Auflagen, Exklusivität, Quoten und Marktanteile immer „aggressiver“ erscheinen lässt. Schnelligkeit geht oft vor Genauigkeit, „Marktgeschrei“ häufig vor Seriosität. Der Journalismus, wie der frühere ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser es einmal formulierte, „ist greller und lauter“ geworden. Für viele Artikel und Beiträge gilt heute mehr denn je, die Personalisierung des (Rand-)Ereignisses geht vor die „Authentizität des Sportereignisses“. Hypothesenjournalismus, Spekulationen und unbegründete Vermutungen prägen große Teile des Sportjournalismus. Vielleicht sollten viele – auch jüngere – Sportjournalisten daran erinnert werden: „Facts are sacred – comment is free“ oder: Haltet Nachricht und Meinung auseinander!

Ist die Sportberichterstattung im Vergleich zu den anderen Ressorts besonders schwierig, weil die Vereine und Verbände Wohlverhalten bei der Berichterstattung belohnen, Kritik aber mit Abwendung sanktionieren?

Nein, das ist in der Politik und Wirtschaft genauso! Versuche der Instrumentalisierung und der Sanktionierung gibt es in allen Ressorts, Medien- oder Anzeigenboykotte sind die ultima ratio – meist der Hilflosigkeit. Sportjournalismus und das System Sport brauchen einander, ohne miteinander verschmelzen zu müssen. Den Medien und den Journalisten wird eine Reihe von Privilegien von der Verfassung und vom Gesetzgeber zugestanden, die nicht leichtfertig missbraucht werden dürfen. Die größte Macht der Medien ist die Thematisierung von Sachverhalten und Geschichten. Das muss in die Verantwortung jedes Journalisten hineinreichen. Fair Play – auch und gerade im Sportjournalismus.

Gibt es Kartelle des Schweigens? Wer kann sich wirklich trauen, über die vielleicht nicht so schönen Seiten eines mächtigen Bundesligaklubs oder des DFB zu berichten?

Nein, im Gegenteil. Nach unseren Untersuchungen von weltweit über 3 000 Sportjournalisten zeigt sich, dass die deutschen Kolleginnen und Kollegen rund 20 Prozent stärker die Kritikfunktion sehen als die internationalen Vertreter. Im Volk der Dichter und Denker werden Kritik und Kontrolle von den Medien stärker ausgeübt. Das ist so lange in Ordnung, wie die Fakten dazu Anlass geben und vor allem, solange Menschen und Institutionen nicht geschädigt werden.

Längst haben Sportler und Funktionäre – siehe Franz Beckenbauer und die „Bild“-Zeitung – eigene Kolumnen in den Zeitungen. Lässt sich dann noch fair und objektiv berichten?

Im Falle des „Kaisers“ eindeutig ja! Dieser hat zu allen Fragen, Problemen und Entwicklungen seine eigene Meinung, die eigenständig genannt wird. Auch die „Bild“-Redaktion kann kritisch über die Fifa, das Organisationskomitee oder die Person berichten. Das ficht F.B. am wenigsten an. Ich sehe darin ein generell anderes Problem: Warum benötigen die Experten im Sportjournalismus immer häufiger Experten des Sports? Klar, Prominenz und Image spielen eine Rolle. Viele Sportjournalisten können jedoch bessere Erklärungen in Wort und Bild anbieten. Vielleicht sollte hierzu eine neue Debatte nach dem Selbstverständnis beginnen.

Das Interview führte Joachim Huber


Josef Hackforth ist Professor für Sport, Medien und Kommunikation an der Technischen Universität München

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