Schnulzen und Schmonzetten : Letzte Klappe

Keine neuen Aufträge: Drehbuchautoren und Produzenten fordern von der ARD-Filmtochter Degeto klare Auskünfte.

Andrea Tebart

Die Drehbuchautoren in Deutschland sind besorgt. Viele von ihnen haben sich in dieser Woche bei der Geschäftsstelle des Verbandes Deutscher Drehbuchautoren in Berlin gemeldet – weil sie wissen wollen, welche wirtschaftlichen Folgen der jüngste Degeto-Beschluss für ihre Auftragslage hat. Die Film- und Fernsehtochter der ARD plant für die kommenden beiden Jahre weniger Aufträge abzuschließen und damit weniger Filme zu produzieren als bisher. Sie habe – so die Degeto – genügend sendefähiges Material auf Lager, das im Fernsehen gezeigt werden könne. Offiziell wird auf das verstärkte Engagement in den Vorjahren 2010 und 2011 verwiesen. In der Branche wird jedoch kritisiert, dass die Degeto vor allem unter der Ägide von Geschäftsführer Hans-Wolfgang Jurgan zu viele Schnulzen und Schmonzetten hat produzieren lassen. Die geänderte Auftragspolitik der Degeto betrifft neben den Drehbuchschreibern genauso die Produzenten und TV-Produktionsfirmen. Bislang war die ARD-Tochter der größte Auftraggeber.

Die Produzentenallianz, die rund 220 deutsche Film- und TV-Produzenten vertritt, hat nun mit einem Brief an die Degeto-Geschäftsführung reagiert. „Wir möchten eine zeitnahe Auskunft darüber haben, was dies alles für unsere Mitglieder wirtschaftlich bedeutet“, fordert der Sprecher der Produzentenallianz, Jens Steinbrenner.

Sicher ist, dass nicht nur die Produktion von Neuverfilmungen betroffen ist, sondern auch Koproduktionen fürs Kino sowie der Einkauf von ausländischen Spielfilmen. Völlig unklar ist dagegen die Höhe der Einsparungen. Weder die ARD noch die Degeto haben dazu bisher Angaben gemacht. Im Jahr 2009 lag das Auftragvolumen der Degeto bei 426 Millionen Euro – 26 Millionen mehr als noch im Jahr 2006. Von 2014 an soll es wieder mehr Produktionsaufträge geben.

Die Degeto Film war 1928 unter dem Namen Deutsche Gesellschaft für Ton und Film gegründet worden. Sie hat ihren Sitz in Frankfurt am Main und war von 1954 an zunächst für die Filmbeschaffung des Hessischen Rundfunks zuständig. Seit 1959 wird die Degeto von allen Landesrundfunkanstalten der ARD direkt oder indirekt getragen.

Katharina Uppenbrink, Geschäftsführerin des Verbands Deutscher Drehbuchautoren, sieht sich angesichts der aktuellen Ereignisse bestätigt. Seit langem mahnt sie mehr Transparenz an. Ob bei der Degeto oder den öffentlich-rechtlichen Sendern: „Es kann nicht sein, dass eine solche Vergabepraxis unbemerkt bleibt. Es wird Zeit, über wirksamere Kontrollmechanismen nachzudenken.“ Hätte es diese gegeben, wäre der gegenwärtige Zustand nicht eingetreten, vermutet Uppenbrink.

Jetzt haben die ARD-Intendanten die Reißleine gezogen. Revisoren wurden beauftragt, die Angelegenheit „systematisch und strukturell“ zu prüfen. Die Prüfungskommission werde ihre Arbeit so schnell wie möglich aufnehmen, erklärte die ARD. Um eine TV-Produktion bei der Degeto in Gang zu setzen, bedarf es grundsätzlich der Unterschrift von zwei der drei Geschäftsführer. Dabei handelt es sich einerseits um ARD-Programmchef Volker Herres, allerdings in nebenamtlicher Position. Und hauptamtlich um Hans-Wolfgang Jurgan und Bettina Reitz. Sie leitet seit dem 1. Mai diesen Jahres den Bereich Produktion der Degeto Film. Reitz trat damit die Nachfolge des im März verstorbenen Jörn Klamroth an.

„Die Berufung von Bettina Reitz zur neuen Degeto-Geschäftsführerin war für viele Autoren der richtige Schritt“, lobt Katharina Uppenbrink von der Drehbuchautoren-Vereinigung die Berufung. Allerdings fragten sich nun die Mitglieder des Verbandes, ob Bettina Reitz nicht auf Jahre hinaus jeder Handlungsspielraum genommen worden sei. „Neuartige Stoffe, die auch neue Zuschauergruppen ansprechen können, bleiben nun möglicherweise auf der Strecke“, befüchtet Uppenbrink. Die Stoffe, die sich häufig um Herz und Schmerz drehen, erzielen zwar oft gute Quoten, fallen aber bei der Kritik genauso häufig durch. Andrea Tebart

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