Medien : „Schöne Begegnung, mehr davon!“

Der Chef bloggt mit: Eine interaktive Website vermittelt Einblicke in die ARD-Nachrichtenredaktion

Pablo Silalahi

Für die Verantwortlichen der „Tagesschau“ ist es eine schwere Entscheidung. Der „Problembär“ ist tot. Nein, die Rede ist nicht etwa wieder vom pelzigen Bruno, dessen Erschießung im letzten Sommerloch für Wirbel gesorgt hatte, sondern von demjenigen, der damals für seinen Abschuss verantwortlich war. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber muss nun selbst dran glauben. Und hier beginnt für die „Tagesschau“ das Problem. Türkische Zeitungen rieben sich ungeniert die Hände über das politische Aus von Stoiber, der vehement gegen einen EU-Beitritt der Türkei agiert. Der Beifall aus den Istanbuler Redaktionen soll am Folgetag natürlich auch in der Sendung zum Thema gemacht werden. Allerdings wird am gleichen Tag der türkisch-armenische Journalist Hrat Dink erschossen. Bei ARD-aktuell wird die Frage laut, wem sie die knappe Sendezeit aus der Türkei einräumen: der Freude über Stoibers Rücktritt oder Dinks Tod ? Eine schwierige journalistische Entscheidung, wie Thomas Hinrichs, zweiter Chefredakteur bei „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ einräumt. Das geht direkt an die Zuschauer. Denn seit Anfang des Jahres will man in der Hamburger ARD-Nachrichtenzentrale „transparenter“ arbeiten und in einem Internet-Tagebuch Einblicke in die Redaktionen von Tagesschau und Tagesthemen geben.

In „unregelmäßigen Abständen“, so die beiden Chefredakteure von ARD-aktuell, Kai Gniffke und Thomas Hinrichs, wolle man erzählen, wie sich ein Nachrichtentag aus Sicht der Nachrichten-Chefs entwickelt, warum über bestimmte Themen berichtet wird, andere aber durch den Rost fallen“. Das Unternehmen Chefredakteurs-Blog begann gleich mit einem Paukenschlag. „Darf man Hinrichtungen zeigen?“, fragte Kai Gniffke am 2. Januar in seinem ersten Beitrag. Wie sollte man mit den Bildern der Exekution Saddam Husseins umgehen? Die Redaktion, so bloggt Gniffke, einigte sich darauf, dass am Nachmittag und Abend zwar das Umlegen der Schlinge und Saddams in Tücher gehüllter Leichnam gezeigt würden. Bilder von der Hinrichtung selbst seien tabu. „Die Würde des Menschen ist unantastbar – das gilt auch für einen Diktator (…) Den Moment des Todes zeigen wir nicht!“, schrieb Gniffke.

Dass der neue Chefredakteurs-Blog bei den Zuschauern gut ankommt, zeigt die rege Diskussion zu diesem Beitrag. Rund 170 Einträge in der ersten Woche beschäftigen sich teils kritisch, teil zustimmend mit der Hinrichtungs-Thematik. Natürlich kann der Tagesschau-Blog da nicht mit den über 2600 Einträgen zum gleichen Thema bei Spiegel online mithalten, andere Medien haben es da aber noch schwerer, so kann der Blog der „Frankfurter Rundschau“ zum Thema Saddam nur 51 Beiträge verzeichnen.

Die Idee zum Blog kam aus der Online-Redaktion der Tagesschau, sagt tagesschau.de-Chefredakteur Jörg Sadrozinski. Allerdings wollen sich die Onliner selbst mit Einträgen „eher zurückhalten“, da sie vor allem den TV- und Hörfunk-Kollegen die Möglichkeiten des Mediums Internet näherbringen. Sadrozinski betont,dass er sich sehr freue, dass der Blog vom Publikum „als positiv“ erachtet wird und helfe, das Bild der „alten Tante Tagesschau“ aufzufrischen.

Auch bei der ARD setzt man auf Themen abseits des harten Nachrichten-Alltags. Denn, so Ute Welty, Korrespondentin im ARD-Hauptstadtstudio und neben den beiden Chefredakteuren ebenfalls Bloggerin: „Wie immer schreibt das Leben die besten Geschichten.“ So findet zwischen „Kreuther Legenden“ und der Meldung über die Absage Günther Jauchs an die ARD eine Anekdote über „Kriegsgründe in der Berliner S-Bahn“ ihren Platz. In seinem Beitrag umschreibt Hauptstadt-Reporter Christian Thiels den täglichen Kampf mit den Unwägbarkeiten bei der Fahrt zur Arbeit und der rauen Berliner Schnauze. „Schöne Begebenheit, mehr davon“, kommentiert dann auch prompt ein Leser den Eintrag.

Das Internet-Tagebuch der Tagesschau gibt es zwar schon seit Sommer 2006, aber erst mit der Teilnahme der beiden Chefs findet der Blog eine größere Beachtung. Bleibt die Frage, wann sich beispielsweise auch die Tagesthemen-Anchors Anne Will und Tom Buhrow wie ihr NBC-Kollege Brian Williams online zu Wort melden werden. Tagesschau.de-Chef Jörg Sadrozinski sagt, die Beteiligung der Moderatoren sei auf jeden Fall „eine Idee“, die auf einer Klausur zur Zukunft des Online-Programms Anfang Februar besprochen werden soll. Auch über das Einbeziehen der Auslandskorrespondenten in den Blog denkt man in der Hamburger Zentrale nach. Allerdings gibt Sadrozinski zu bedenken, dass Kollegen, die aus einem Krisengebiet berichten und bei denen „die Hütte brennt“, nicht immer die Möglichkeit finden werden, ihre Erlebnisse auch zeitnah im Online-Tagebuch zu veröffentlichen.

Bei RTL-aktuell, dem größten kommerziellen Konkurrenten der Tagesschau, steht ein Nachrichtenblog derzeit zwar „nicht auf der Agenda“, so RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer, man wolle aber für die Zukunft „nicht ausschließen“, den Zuschauern ein ähnliches Angebot zu machen. Im Übrigen könne sich bei RTL „auch ohne Blog jeder Interessierte jederzeit an die Redaktion mit Fragen wenden, die ihm dann auch beantwortet werden“.

Der Blog im Internet:

http://blog.tagesschau.de/

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