Medien : Schokolade zum Krimi

Kindesmissbrauch, Mord, Erpressung, fahrlässige Gutachter – der SFB-„Tatort“ bietet Stoff für drei Filme

Antje Kraschinski

Auf der Aussichtsplattform des Grunewaldturms kämpft ein Mann mit einer Frau. Der Mann ist groß und kräftig, die Frau schreit und wehrt sich verzweifelt. Der Mann ist stärker. Er packt die Frau und hebt sie über die Brüstung. Panisch blickt die Frau in die Tiefe. Ein Mordversuch?

„Konfrontationstherapie“, sagt der Mann, Psychologieprofessor Erwin Probst, zu seinen Studenten, „ist die wirksamste Methode bei Höhenangst“, und lässt die erleichtert lächelnde Frau los.

So beginnt der „Tatort – Zartbitterschokolade“ (ARD, 20 Uhr 15) mit Dominic Raacke und Boris Aljinovic alias Till Ritter und Felix Stark. Aus dem furiosen Auftakt wird schnell ein Fall für die Mordkommission. Denn die zweite Konfrontation endet tödlich. Während Probst (Christoph Quest) allein ist, wird er von einem Unbekannten den Turm hinuntergestoßen. Erst knallt der Terminplaner auf das Pflaster. Dann der Professor. Direkt vor die Füße des kleinen Gustav, der den Mörder in einem roten Kombi davonfahren sieht.

Zum sechsten Mal ermitteln Raacke und Aljinovic im Auftrag des Senders Freies Berlin. Unter der Regie des Österreichers Erhard Riedlsperger begeben sich die beiden ungleichen Kommissare im vorweihnachtlichen Berlin auf die Suche nach dem Mörder. Die Zuschauer brauchen diesmal viel Geduld, um der mal hierhin, mal dorthin mäandernden Geschichte zu folgen.

Der Professor ist tot, und von den Studenten war es keiner. Wer dann? Von seiner eigenartigen Witwe erfahren Ritter und Stark, dass Probst Drohbriefe erhalten hatte. Grund: Der Psychologe war auch Gerichtsgutachter und hat sich mit seinen Expertisen eine Menge Feinde gemacht. Einer davon ist Walter Meisner (August Schmölzer). Fünf Jahre saß er im Gefängnis wegen Vergewaltigung, verurteilt nur auf Grund eines Gutachtens von Probst. Voller Wut leitet er nun den „Verein für Gutachtergeschädigte“. Aber reicht Wut aus, um einen Mord zu begehen?

Die Ermittlungen führen Ritter und Stark zu weiteren Verdächtigen. Zum Beispiel zu Thomas Hofmann-Brixel (Rolf Becker), Inhaber einer Schokoladenfabrik und Besitzer eines roten Kombis, den Reifenspuren nach das Auto des Täters. Er hätte ein erstklassiges Motiv: Probst behauptet in einem Gutachten, Hofmann-Brixel habe seine eigene Stieftochter missbraucht. Die 13-jährige Alice (überzeugend gespielt von Magdalena Ackermann) hat ihn angezeigt, nun läuft das Verfahren. Aber der Schokoladenfabrikant bestreitet den Missbrauch ebenso vehement wie den Mord – und er hat ein wasserdichtes Alibi für die Tatzeit.

Die beiden Kommissare merken schnell, dass in der Familie alles andere als Festtagsstimmung herrscht. Da ist Alice, ein verstockter Teenager, der sich mit zwielichtigen Typen rumtreibt und in der Sporttasche eine große Summe Geld versteckt. Und da ist ihre ältere Schwester, die mysteriöse Ruth Hofmann. Von Mavie Hörbiger leider sinnlos überdramatisiert – jeder Satz klingt steif und pathetisch. Ruth leitet die Schokoladenfabrik, aber ihr herzkranker Stiefvater will das marode Unternehmen an einen Süßwarenriesen verkaufen. Und über allen schwebt die dominante Mutter. Michaela Rosen verkörpert eindrucksvoll, unter welchem emotionalen Stress die Frau steht.

Allein in dieser Konstellation liegt reichlich Stoff für 90 Fernsehminuten. Aber Drehbuchschreiber Gerhard Rekel war das offenbar nicht genug. Nach Mord und Kindesmissbrauch folgen noch mehr Verwicklungen: Erpressung, falsche Gutachten, illegale Ausländer, ein Einbruch - alles garniert mit viel Familiendrama und dunstigen Bildern aus der Schokoladenfabrik. Die Story gleitet ab, wird immer verworrener. Als Kommissar Ritter dann auch noch tumb in die süße Schokoladenfalle tappt und unter Vergewaltigungsverdacht gerät, ist klar: Ob Schokolade oder Krimi – zu viele Zutaten verderben den Geschmack.

Manch vermeintlich tiefsinnige Bemerkung über das Wesen von Schokolade kommt ebenso aufgesetzt daher wie das emotionale Weihnachtsgeschwätz an der Würstchenbude. Die Kölner „Tatort“-Kommissare lassen grüßen. Nur würden sie bestimmt nicht solche Dialoge sprechen müssen wie: „Warum ist dir Familie eigentlich so wichtig?“ – „Naja, wenn du nach ’ner Nachtschicht um fünf nach Hause kommst und nach zwei Stunden Schlaf wirft sich dein Kleiner auf dich und sagt ,Morgen, Papi’ – das ist toll.“ Wer soll das glauben? Echte Väter bestimmt nicht.

Trotz allem: Mit der Kombination Raacke – Aljinovic hat der SFB endlich wieder ein Duo gefunden, das dem Zuschauer Spaß macht. Trockener Humor, meist frech-witzige Dialoge, wenn auch mit zu viel künstlichem Lokalkolorit, unverwechselbare Charaktere. Die beiden haben sich gut eingespielt, es wird Zeit, dass ein Drehbuch sie aus dem Korsett der Eindimensionalität befreit. Warum muss Raacke immer den Hau-drauf- Typen spielen, der seine Hormone weder am Autosteuer noch bei Frauen in den Griff kriegt? Während Felix Stark offenbar für immer der asexuelle kleine Spießer bleibt, der ständig auf die Bremse tritt.

„Zartbitterschokolade“ ist ein durchaus spannender Krimi, kommt aber über das gewohnte SFB-Mittelmaß kaum hinaus.

Nur am Ende, als der überführte Mörder im großen Showdown gestellt wird, weicht das Buch ab von den sonst üblichen „Legen Sie die Waffe weg“-Sätzen. Kurz und unspektakulär überrascht der Film mit einem kleinen, feinen Dialog. In diesen wenigen Sätzen, da ahnt man plötzlich, was möglich ist. Auch beim SFB-„Tatort“.

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