Medien : Schrammen im Gesicht

Kreuzritter Schimanski kämpft gegen religiösen Wahn – und die Probleme des Älterwerdens

Barbara Sichtermann

Die Grausamkeit religiöser Fanatiker, egal welchen Bekenntnisses, ist – natürlich nicht zufällig – seit einigen Jahren wiederkehrender Topos in der Fernsehfiktion. Nun kriegt auch Schimanski (Götz George) mit ihr zu tun. Eigentlich wollte er in Urlaub fahren, mit Partnerin Marie-Claire (Denise Virieux), aber die verwöhnte Madame hat keine Lust zu zelten. Es gibt Krach, die Frau haut ab und der Ex-Bulle nimmt die Verfolgung auf. Prompt landet er im Graben. Ein seltsamer Heiliger, wohnhaft im Wald (Christian Redl), grob, stark und schweigsam, rettet ihn. Die Geschichte beginnt.

Schimi merkt bald, dass sein Retter in Schwierigkeiten steckt, und da er ja bei der Polizei war, braucht er nur ein bisschen zu telefonieren, um Bescheid zu wissen: Es handelt sich bei dem Schweigsamen um einen gewissen Hubert Gaubner, der wegen Mordes an seiner Frau verurteilt worden war und kürzlich aus dem Knast geflohen ist. Schimis Nase sagt ihm: Gaubner ist nicht schuldig. Der deckt jemand. Der Schnüffler in ihm, einmal gereizt, läuft zur vollen Form auf und übernimmt den Fall. Die echte Polizei wird ein bisschen nervös, denn, so Kollege Hänschen: „Überall, wo Schimanski auftaucht, steckt er im Schlamassel.“

Das wollen wir doch hoffen, denn der Schlamassel, der ist des Bullen Lebenselement und unser Spaß beim Zusehen. Schon als der Duisburger noch im Amt war, stieß er ständig mit irgendwelchen Vorschriften und Vorgesetzten zusammen und handelte gerne einige Zentimeter neben der Legalität. Meistens kam er damit durch, weil der Erfolg ihm Recht gab und der sympathische Knochen sogar von den Schreibstubenhengsten auf dem Revier respektiert wurde. Jetzt ist es einfacher geworden, weil der Held keine Dienstpläne mehr zu beachten braucht und den Anarchisten, der in ihm steckt, guten Gewissens von der Leine lassen kann. Nebenhandlungen mit erzürnten Staatsanwälten sind überflüssig, nur Hänschen darf hin und wieder Alarm schlagen. Am Ende aber verkündet er: „Schimanski weiß, was er tut.“

Manches ist aber auch schwerer geworden. Seit der legendäre Draufgänger die „Tatort“-Folgen verlassen hat und auf eigene Faust in eigener „Schimanski“- Reihe ermittelt, hängen Wohl und Wehe dieser Krimis allein vom Protagonisten ab. Und der bringt einige Hypotheken mit: Schimi war beliebt, aber schwierig, denn als gefürchteter Alleingänger brauchte und erhielt er die Korrektur des gesetzestreuen Partners, wie Kollege Thanner ihn ideal verkörperte. Jetzt, ganz auf sich selbst gestellt, könnte Schimi/George beim Versuch, die überlebte Figur des einsamen Wolfes zu reanimieren, scheitern. Zumal er nicht jünger wird. Und der Oldie aufpassen muss, dass er sich neben seiner blondgelockten Freundin und auf der Wildbahn mit der obligaten Schramme im Gesicht nicht zu seiner eigenen Karikatur stilisiert.

Nun, er passt auf. Dank Georges endlich einmal disziplinierten Spiels, dank des wohlüberlegten Buches (Hansjörg Thurn) und einer gestrengen Regie (Manfred Stelzer), die gegen die Melodramatik des Stoffes sozusagen anarbeitet, gelingt es diesem Krimi, den Fallen zu entkommen, gelingt es George, sein Publikum zu halten.

Und Fallen gibt es jede Menge. Die Geschichte ist konventionell. Trotz des modischen Hintergrunds einer Frömmler-Familie (Frage: „Das war doch ein Holzkreuz, mit dem er eben zugeschlagen hat?“. Antwort: „Ja, er ist sehr religiös“) geht es letztlich um einen Eifersuchtsmord, das älteste Motiv überhaupt. Auch die Verwicklungen hat man schon mal gehabt, das Opfer, ein „sündiges“ promiskes Weib, das ja leider schon tot ist und das man auch per Rückblende nicht zu sehen bekommt, ist als Typus, der eine Krimi-Handlung auslöst, ebenfalls schon (zu) oft da gewesen. Dass dennoch der Film aus all diesen alten Motiven und mit seinen alten Gesichtern zu seinem Publikum spricht, liegt auch daran, dass er das Alter bewusst zum Thema macht und ihm glaubhafte Chancen einräumt. Marie-Claire könnte einen Jüngeren kriegen, nimmt aber dann doch lieber Schimanski zurück. Und der erkennt anlässlich der Figur des halbwüchsigen David (Sergej Moya), Sohn des Opfers und des Ausbrechers, dass Älterwerden und Vaterrolle gut zusammenpassen und dass man dafür keine eigenen Kinder braucht.

„Ich kann nichts dafür, dass in deiner Familie so viel Scheiße passiert ist“, sagt er und macht sich mit dem Jungen ans Aufräumen. So gesehen ist der Film ein gutes Teilstück des anzuzettelnden „Methusalem-Komplotts“.

„Schimanski – Sünde“: ARD, 20 Uhr 15

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