Medien : Schrei, wenn du kannst

Matthias Kalle

In einer seiner Kurzgeschichten schreibt Charles Bukowski, dass man doch lieber schreien sollte, wenn man brennt – nur so ließe sich Angst, Verzweiflung und menschliches Elend beschreiben. Was das mit Sport zu tun hat? Bukowski war ein Experte im Pferderennsport, aber es bleibt unklar, wie er den Skandal um die deutschen Vielseitigkeitsreiter bewertet hätte. Vermutlich hätte er aber nicht laut aufgeschrieen, vermutlich hätte er mit den Schultern gezuckt.

Das Schreien war am Sonntag Paradedisziplin beim ZDF. Jana Thiel, die augenscheinlich leidet, weil sie die zweite Woche neben Steinbrecher und Poschmann die Nachrichten vorliest und dabei allerlei Anzügliches über sich ergehen lassen muss, vermeldete den Schrei einer tschechischen Diskuswerferin, der angeblich den gesamten Wurf angedauert habe. Thiel sagte dann noch, dass es für eine Medaille nicht gereicht hätte, weder für den Wurf noch für den Schrei. Ach so.

Es reichte aber für Poschmann, das Schreien als Stilmittel für Kommentatoren zu entdecken: So soll Norbert Galeske den Frauenvierer im Rudern zu Gold geschrieen haben, doch die Übertragung des Wettbewerbs bewies, dass Galeske zwar ein bisschen lauter wurde, Schreien aber hört sich anders an. Wie bei Nicolas Kiefer. Der schrie in der Nacht zum Sonntag, als er mit Rainer Schüttler im Tennisdoppelfinale gegen zwei Chilenen verlor, aber das hat leider niemand mitbekommen: Im Stadion waren kaum Zuschauer, vor dem Fernseher saßen nur Olympiakolumnisten und Heribert Faßbender, der kommentierte, schien offensichtlich das ein oder andere Mal eingenickt zu sein; so darf man mit einem der dramatischsten Ereignisse dieser Spiele nicht umgehen.

Andere Ereignisse scheinen wichtiger: Ein ZDF-Reporter chauffierte Otto Rehhagel zur Akkreditierung, filmte das Ganze, und das wurde tatsächlich gesendet: Rehhagel beim Händeschütteln, beim Umarmen, beim Autogramme geben, beim Über-sich-selber-reden. Man hätte schreien können.

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