Medien : Schrittweise

Holger Wild

Ein anderer Kontinent. Einer, der den meisten von uns fremd geworden ist. Kindheit. Erwachsenwerden. Davon erzählt die 32-jährige Amerikanerin Julie Orringer in ihrem Kurzgeschichtenband „Unter Wasser atmen“. Geschichten aus jenen Welten, deren Größe noch ganz mit dem Kreis des Horizonts um das Kinder-Ich im Zentrum zusammenfällt. Deren Horizont sich aber täglich weitet – durch Abenteuer, Wagnisse, durch all die Schritte, die ein Kind jeden Tag trotzig, furchtsam, staunend und nie beiläufig unternimmt. Was immer ihren Protagonistinnen – es sind sämtlich Mädchen – dabei widerfährt, Orringer bleibt dicht bei ihnen. Sieht ihnen erzählend über die Schulter wie eine kaum ältere Schwester. Versteht die Grauen, die sie erleben; versteht ebenso ihre scheinbare Ungerührtheit bei Ereignissen, die für Erwachsene die wahren Schrecken darstellen. Und allzu schöne Geschichten sind es nicht, die Orringer erzählt. Ein Kinderspiel endet tödlich. Die kleine Schwester geht in der Großstadt fast verloren. Eine Pubertierende erlebt die Qualen der Außenseiterin. Eine andere muss schmerzhaft erfahren, was von den romantischen Versprechungen eines halbwüchsigen Jungen zu halten ist – und dass eine Portion Misstrauen gegenüber den eigenen romantischen Flausen auch nicht schadet. Geschichten voller Leben, die Orringer klar und solide erzählt – und mit schönem Sinn für die Bedeutung, die scheinbar ephemere Details in Kinderwelten annehmen können.


Dieses Buch bestellen Julie Orringer: Unter Wasser atmen. Storys. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 288 Seiten, 8,90 €.

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