Medien : „Schröder war in Trance“

ZDF-Chefredakteur Brender zum Kanzler-Auftritt in der „Berliner Runde“

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Herr Brender, wer ist bei der „Berliner Runde“ mehr entgleist – der Bundeskanzler oder das JournalistenDuo aus Hartmann von der Tann und Nikolaus Brender?

Die Journalisten sind nicht entgleist, sondern sie haben versucht, die Diskussion auf dem Gleise zu halten.

Warum sind Sie zum Beginn der Gesprächsrunde gleich auf den Schröder-Vorwurf der „Medienmacht und Medienmanipulation“ eingestiegen?

Weil der Bundeskanzler in seiner ersten Replik darauf verwiesen hat. Er hat uns Parteinahme vorgeworfen, und diesem Vorwurf musste in aller Klarheit widersprochen werden.

Sie sagten an einer Stelle: „Ich sage jetzt Herr Schröder zu Ihnen.“ Das ist doch mindestens so starker Tobak wie der Ton des Bundeskanzlers.

Der Bundeskanzler hat eine Amtsrolle. In dieser Amtsrolle hat er das Recht, mit Engagement, auch Heftigkeit zu widersprechen und Antworten zu geben. Die Antworten aber, die er gab, sollten provozieren und packten die Ehre der Journalisten an. Da sich einfach zu ducken und klein beizugeben, hätte dem Rollenverständnis eines Journalisten nicht entsprochen. Und: Schröder hat sich in manchen Phasen der Sendung nicht wie ein Bundeskanzler benommen.

Schröder hat Hartmann von der Tann und Sie als Kombattanten des schwarzen Lagers identifiziert. Hat er Grund dazu?

Erst einmal hat er die gesamte Presse, alle Medien dessen bezichtigt. Ich habe klar gesagt, er sitzt hier in einer Sendung von ARD und ZDF, und wir haben uns bei unserer Berichterstattung nichts vorzuwerfen. Wir haben drei Monate lang berichtet und das veröffentlicht, was war. Für Schröder war ja schon die Frage, ob er die Wahl verloren habe, eine Zumutung. Ich finde, dass in einer Demokratie noch gefragt werden darf.

Schröder behauptete, er habe Wahlkampf gegen das machen müssen, was da „geschrieben und gesendet“ wurde. Schröder, der angebliche Medienkanzler, von den Medien verlassen. Ist da was dran?

Schröder hat ja einen klasse Wahlkampf geführt. Als er ins Studio der „Berliner Runde“ kam, steckte er noch in der Trance der Wahlkampfveranstaltungen. Er hatte die Intimität und die Rationalität einer „Berliner Runde“ noch nicht in sich aufgenommen – und deswegen haben sich Wirklichkeiten in ihm verschoben. Deswegen glaubte ich, diese Wirklichkeit zurechtrücken zu müssen. Was es aber nicht gibt: einen persönlichen Konflikt zwischen einem Herrn Schröder und einem Herrn Brender, zwischen einem Herrn Bundeskanzler und einem Herrn Chefredakteur, zwischen der Bundesregierung und dem ZDF. Schröder ist und bleibt ein Medienkanzler, er hat uns an diesem Abend eine Seite gezeigt.

Welche Seite?

Das will ich jetzt nicht qualifizieren, das hat ja jeder gesehen.

Das ZDF verlässt sich auf die Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen – und wurde selten so allein gelassen.

Wir haben vor zehn Tagen das letzte „Politbarometer“ veröffentlicht. Das liegt so meilenweit von dem Lagerergebnis nicht entfernt.

Aber meilenweit von den Einzelergebnissen.

Stimmt, aber welche Konsequenz soll daraus folgen? Entweder keine Meinungsumfragen machen oder so wie das ZDF stets zu betonen, dass es sich um Momentaufnahmen handelt, und damit die Relativität der Meinungsumfragen kennzeichnen. Die Politik kann sich nicht beschweren, da sie selber mit den Instituten zusammenarbeitet. Auch Herr Schröder holt sich von ihm nahe stehenden Forschern Informationen. Dann kann er aber nicht öffentlich sagen, dass diese Forscher den Mund zu halten hätten.

Was wurde nach dem Ende der „Berliner Runde“ noch an Freundlichkeiten ausgetauscht?

Der Kanzler musste ja ins Willy-Brandt- Haus, glaube ich, und hat die Runde verlassen. Die Ergebnisse der Wahl sind an einem solchen Abend wichtig, nicht die Auseinandersetzung zwischen einem Beteiligten der Runde und einem Journalisten.

Das Interview führte Joachim Huber.

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