Medien : Schuld hat immer der andere

Wie deutsche und polnische Zeitungen zum Krieg der Worte rüsten

Sebastian Bickerich[Warschau]

Dass es zwischen Deutschen und Polen im Moment nicht so gut läuft, hat sich mittlerweile rumgesprochen. Da sind – in den Augen vieler Deutschen – irre Brüder in Warschau an der Macht, die Schwule drangsalieren, die Todesstrafe einführen wollen und gegen Deutschland Stimmung machen. Und umgekehrt herrscht in Deutschland mit absoluter Mehrheit eine gewisse Erika Steinbach (Präsidentin des Bundes der Vertriebenen), die kurz davor ist, das Dritte Reich wieder aufzurichten, mit Russland als Partner und ehemals deutschen Grundstücken in Polen als Beute. So zumindest die weit verbreiteten Klischees.

Nun ist es eine bei Politikern verbreitete Eigenart, für derartige Stimmungslagen die Übermittler von Nachrichten verantwortlich zu machen: Die Journalisten sind schuld. Allen voran die linke „tageszeitung“ (taz), die mit einer harmlosen Satire über Kartoffeln und Lech Kaczynski den Präsidenten derart verstimmte, dass er im Juni einen Gipfel mit Kanzlerin Merkel und dem französischen Präsidenten Chirac absagte. Schuld ist nach dieser Lesart auch der Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) in Warschau, Thomas Urban, der nicht nur nach Meinung konservativer polnischer Medien, sondern auch von Gesine Schwan, der Regierungsbeauftragten für deutsch-polnische Beziehungen, als angeblicher Befürworter des umstrittenen „Zentrums gegen Vertreibungen“ ein „negatives Bild“ Polens in Deutschland zeichne. Die Attacke Schwans in der polnischen Zeitung „Rzeczpospolita“führte wiederum zu einem wüsten Gegenangriff der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), die Urban und seine Familie nunmehr als „bedroht“ bezeichnete – selbst von zerstochenen Autoreifen des in seiner Wahlheimat nicht mehr sicheren Korrespondenten war die Rede.

So sind die Journalisten derart in den Strudel deutsch-polnischer Anwürfe geraten, dass es an der Zeit war, miteinander zu reden. Am Montagabend trafen sich Urban und „taz“-Chefredakteurin Bascha Mika in Warschau, um mit polnischen Kollegen zu diskutieren – eingeladen hatte die grünen-nahe Böll-Stiftung, und wie gut die Idee war, konnte man schon daran sehen, dass der kleine Saal im Warschauer Zentrum völlig überlaufen war. „Nur im direkten Gespräch kann man Konflikte überwinden“, leitete Ralf Fücks von der Böll-Stiftung ein, und schnell kamen die Diskutanten zum Kern der Debatte: Haben die Journalisten eine Mitverantwortung am derzeitigen Gezeter? Ja, sagte Piotr Pacewicz, Vize-Chefredakteur der liberalen „Gazeta Wyborcza“. In vielen deutschen Medien würden die Verhältnisse in Polen derart überzeichnet, dass er sein Land darin nicht wiedererkenne. Thomas Urban bestätigte diesen Eindruck und sprach von „Besserwissertum und Ignoranz“ auf deutscher Seite, die allzu oft auf tradierte Feindbilder in Polen träfen. Darüber, ob es indes nur an der „anderen, eben katholischen“ Kultur liege, dass es in Polen Vorbehalte gegen Homosexuelle gebe, wie das der „Rzeczpospolita“-Autor Piotr Semka ausdrückte, entflammte allerdings heftiger Streit. Es sei das gute Recht jedes kritischen Journalisten, Angriffe auf Menschenrechte und damit europäische Werte zu verurteilen, sagte „taz“-Chefin Bascha Mika. Dass dabei hohe journalistische Qualitätsmaßstäbe gelten, müsste selbstverständlich sein – ist es aber nicht, wie der Streit um Gesine Schwan und ihre Kritik an Urban zeigt, der sich mittlerweile zu einer fast absurd anmutenden Posse um Deutungshoheiten zweier Qualitätszeitungen auf beiden Seiten der Oder entwickelt hat.

So unterliefen ausgerechnet der seriösen „FAZ“ Versäumnisse, als sie Urban zur Hilfe eilen wollte. Weder sprach sie mit dem „SZ“-Korrespondenten noch mit Schwan, stattdessen zitierte die Zeitung aus einem vertraulichen Rundbrief Urbans, in dem von persönlicher Bedrohung nicht die Rede ist. Die konservative „Rzeczpospolita“ reagierte mit einem „Interview“ mit Urban, das den Eindruck erweckt, die „FAZ“-Geschichte sei komplett falsch. „Das Interview hat es nie gegeben, nur ein Hintergrundgespräch“, sagt Urban, der in dem Angriff Schwans eine versuchte Rufschädigung sieht, mit einer Entschuldigung freilich nicht rechnet. Schwan wiederum wartet auf den Abdruck eines Leserbriefes in der „FAZ“, in dem sie für sich das Recht reklamiert, deutsche Journalisten kritisieren zu können. Dass es nach ihrem „Debattenbeitrag“ Anfeindungen gegenüber Urban gegeben habe, tut ihr leid, sagte sie dem Tagesspiegel. Was bleibt? Urban sieht die Debatte heute gelassen und nennt sich einen Anhänger der „Pendeltheorie“: Eines Tages pendele sich schon alles wieder ein.

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