SCHWEDEN VS. DEUTSCHLAND : Der Gegenentwurf

Das ZDF liefert den Krimi-Konter zum „Tatort“

Verena Friederike Hasel
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Sittler

Am Sonntagabend erwartet die deutsche Fernsehnation ein Schreck mittleren Ausmaßes. Es läuft kein „Tatort“, der kommt erst am Montag. Und kaum geht der Atem wieder ein bisschen ruhiger, entdeckt man im Programm schon die nächste Ungeheuerlichkeit: Das ZDF zeigt am Sonntag eine neue Folge der Krimireihe „Der Kommissar und das Meer“. Bekommt die alte Tante „Tatort“ etwa Konkurrenz?

Die Indizien hierfür: „Der Kommissar und das Meer“ ist in jeglicher Hinsicht ein Gegenentwurf zum „Tatort“. Statt in den regionalen Gefilden und Besonderheiten Deutschlands zu gründeln, ermittelt im der ZDF-Krimi der deutsche Kommissar Robert Anders (Walter Sittler) auf der schwedischen Insel Gotland. Damit ist eine reizvolle Erzählprämisse gegeben: Schweden ist kollektives Sehnsuchtsland der Deutschen, als ob Schweden so etwas wie Unschuld verkörpert. Doch was, wenn das Paradies durch einen Mord besudelt wird und gerade ein Deutscher die Ordnung wiederherstellen muss?

Wenn man ehrlich ist, haben selbst die Morde in „Der Kommissar und das Meer“ eine gewisse Unschuld. Während im „Tatort“ aufgrund hochkomplexer Allianzen oder zur Gewinnmaximierung getötet wird, pflegt ein Mörder nach gotländischer Art ganz bodenständige Motive: Er liebt, er hat ein Geheimnis, er will Rache. In der Pfingstfolge „Der sterbende Dandy“ (Regie: Marcus Weiler, Drehbuch: Clemens Murath) wird der Kunsthändler Egon Wallin (Peter Andersson) nach einer Vernissage tot aufgefunden. Wie sich herausstellt, war er zu Lebzeiten ein Allround-Betrüger, hatte zeitgleich Ehefrau, weibliche Gespielin und männlichen Geliebten, handelte mit gestohlenen Bildern und tat noch Schlimmeres.

Dass es also zumindest einen Bösen trifft, ist wie eine Hommage an Bullerbü, und auch sonst wird der Sehnsucht nach Einfachheit Rechnung getragen.Um die Bildsprache von „Der Kommissar und das Meer“ zu verstehen, muss man kein Handbuch der Metaphorik bemühen. In einer der ersten Szenen wirft eine Hand Wallins Foto ins lodernde Feuer, kurz darauf ist der Kunsthändler tot. Auch die Ehekrise von Kommissar Anders wird idiotensicher bebildert. Während der Deutsche Angst vor Wasser hat, hat sein Nebenbuhler ein fesches Segelboot und fährt mit Anders’ Frau hinaus aufs Meer. So als hätten die Macher es auf einen Vergleich angelegt, kehrt dieses Bootsmotiv am Montagabend im „Tatort“ wieder. Die Bösen werden festgenommen, als sie gerade ein bisschen schippern gehen wollen, die Botschaft hier: Trau keinem, der sich ein Boot leisten kann.

Bis auf die Tatsache, dass der „Tatort“ mit einem Tag Verspätung läuft, ist also alles wie immer. Das altgediente Krimiformat kritisiert die Mächtigen, die Reichen, den Kapitalismus und die Konzerne – eine Haltung, die zum „Tatort“ gehört wie seine Erkennnungsmelodie. In „Kinderwunsch“ stellt Regisseur Walter Bannert, der mit Thomas Braun auch das Buch schrieb, jetzt die Fortpflanzungsmedizin an den Pranger. Kurz nachdem die Journalistin Sandra Walch ihre Recherchen zu den dubiosen Vorgängen in einer Fertilitätsklinik beendet hat, wird sie in Linz tot aufgefunden. Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) reist aus Wien an und begibt sich mit Kollegin Karin Brandstätter (Fanny Stavjanik) auf die Spur einer Klinik, die eine hohe Erfolgsquote bei künstlichen Befruchtungen verspricht.

Damit greift der „Tatort“ erneut ein aktuelles Thema auf. In Deutschland bleibt schätzungsweise jede zehnte Ehe kinderlos, medizinische Behandlungen sind teuer, längst ist die ungewollte Kinderlosigkeit zum lukrativen Geschäft für Ärzte geworden. „Noch 2000 Euro, dann gehört das Kind ihm“, wird Eisner deshalb auch im Verlauf der Ermittlungen knurren. Eine solche kritische Haltung ist zweifelsohne ehrenwert, aber ermüdend. Mit seinen verlässlichen Feindbildern hat der „Tatort“ ähnliche rituelle Qualitäten wie „Dinner for One“, aber Innovation passiert hier schon lange nicht mehr.

Leider bietet der ZDF-Krimi keine gute Alternative, zu sehr tendiert er zum anderen Extrem. Es gibt Emotion satt, von Systemkritik keine Spur. Ganz gelungen ist also keiner der beiden Pfingstkrimis. Am besten schickt man die „Tatort“-Kommissare demnächst zu Ermittlungen nach Schweden. Verena Friederike Hasel

„Der Kommissar und das Meer, Sonntag, ZDF, 20 Uhr 15. „Tatort“, Montag, ARD, 20 Uhr 15

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