Schweizer "Tatort" : Vom Scheck zum Schmerz

„Kleine Prinzen“: Der Schweizer „Tatort“ dementiert das Gerücht, Geld mache glücklich. Auch sonst fehlen echte Überraschungen.

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Unwiderstehlich: Ava Fleury (Ella Rumpf Capron) macht Männer verrückt. Foto: ARD Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler
Unwiderstehlich: Ava Fleury (Ella Rumpf Capron) macht Männer verrückt. Foto: ARDFoto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Jede Stadt hat ihre ganz eigene Topografie an Problemen. Luzern leidet unter dem Geld. Nicht jeder Luzerner, gewiss nicht, doch die Schülerinnen und Schüler eines sehr feinen Internats sind mit den Millionen ihrer Eltern geschlagen. „Mein Vater gehört zu den hundert reichsten Schweizern. Warum soll ich da Abitur machen?“, sagt Tom Hofmann (Flurin Giger) Kommissar Reto Flückinger (Stefan Gubser) ins Gesicht. Dem steigt bei solchen Sätzen wie stets der Blutdruck, Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) muss nicht nur hier beruhigend einwirken, sondern den George Clooney vom Vierwaldstättersee immer wieder daran erinnern, dass Ermittlungen der Polizei auf legalem Wege passieren müssen.

Schwierig, denn in den Mord an der Internatsschülerin Ava Fleury (Ella Rumpf Capron) scheint auch Fad Al-Numi (Hassan Akkouch) involviert zu sein. Und damit werden die Ermittlungen endgültig zur Staatsaffäre, denn die Spuren führen zum Bruder eines Emirs, der als Minister in Luzern ist und diplomatische Immunität genießt. Die Bundespolizei schaltet sich ein, Polizeichef Eugen Mattmann (JeanPierre Cornu) muss zusehen, dass ihm die Ermittlungen und vor allem Flückinger nicht aus dem Ruder laufen.

„Kleine Prinzen“ heißt dieser Schweizer „Tatort“, tatsächlich sind die Töchter und Söhne vom Wohlstand Verwahrloste. Sie suchen ihren eigenen Weg aus dem Banktresor hinaus ins Leben, Fad wollte Kunst in London studieren, zusammen mit Ava, die sich für Kunstgeschichte interessiert hatte. Wollte sie das, spielte sie Fad was vor, Ava wickelte viele um ihren Finger, sie war quecksilbrig, ein Vamp, hungrig nach, ja wonach? Vater Laurent Fleury (Luc Veit) will ihren Tod sühnen, getrieben davon, dass er weder sein verstorbene Frau noch seine ermordete Tochter schützen konnte.

Der Sozialneid spielt immer mit

Die Kommissare haben ordentlich zu tun, immerhin findet Flückinger noch die Zeit, eine Affäre mit einer verheirateten Frau voranzutreiben, was Kollegin Ritschard zu Anflügen von Eifersucht treibt. Wie immer, wenn „Tatort“-Polizisten mit großem Geld in Berührung kommen, droht die immanente Gefahr des fiktiv verarbeiteten Sozialneids. Die Autoren der „Kleinen Prinzen“, Lorenz Langenegger und Stefan Brunner, entgehen ihr nicht. Drogen, Sex, Gewissenlosigkeit, all das ist im feinen Institut zu Hause. Die Leiterin Elisabeth Ammann (Esther Gemsch) agiert als Mischung aus very britischer Gouvernante und modernisierter Frau Rottenmeier aus dem „Heidi“-Land. Und die Scheichs haben Auftritte, als kämen sie gerade vom Fasching.

Nein, „Kleine Prinzen“ scheut Überraschung und Sensation, der gerade im Anfang zähe Krimi fährt in sehr konventionellen Spuren. Geld regiert die Welt, bildet Motive aus, prägt Charaktere und hat doch eine Macht nicht: Es macht nicht glücklich.

Regisseur Markus Welter ist aber klug genug, das Sittenbild nicht vor die Fahndung zu schieben. Bei allem Beiwerk bleibt die Konzentration auf den Fall, in Rückblenden und einer höchst eindringlichen Bildmontage am Schluss bekommt der „Tatort“ eine eigene Färbung, berichtet subkutan, was Geldscheffeln und Scheckhefte aus Menschen machen können. Das Ensemble geht in diese Richtung mit, gerade die Darstellerinnen und Darsteller der Internatsinsassen vermitteln eine Jugend zwischen Großspurigkeit und Unsicherheit.

Stefan Gubser setzt sehr auf die Valeurs des unbeugsamen Ermittlers, auf dass Gerechtigkeit über Geld siegt. Das hat Kraft und gerade so viel, dass es nicht zur Kraftmeierei wird. Tapfer an seiner Seite Liz Ritschard, von Delia Mayer gerade so weit ausgestaltet, dass Kollege Flückinger nicht verschattet wird.

„Kleine Prinzen“, ein großer „Tatort“? Die Wahrheit liegt dazwischen, in der Mitte liegt sie nicht. Joachim Huber

„Tatort: Kleine Prinzen“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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