Medien : Schwimm oder stirb

Überfluten Internet und Investoren Zeitung und TV? Tutzinger Medientage diskutieren über Globalisierung

Simon Feldmer

Der Feind ist überall. Finanzinvestoren, Internet, Handy-TV – die klassischen Medien Zeitung und Fernsehen fühlen sich an allen Fronten bedroht. Auflagen und Anzeigenmärkte wandern ins Web. Im Berliner Verlag ist mit David Montgomery und der Private-Equity-Firma Veronis Suhler Stevenson erstmals ein internationaler Finanzinvestor auf der Suche nach einer Zwanzig-Prozent-Rendite in einem deutschen Zeitungshaus. Und nach der gescheiterten Springer-Übernahme von ProSiebenSat 1 könnte der nächste ausländische Investor im Anflug sein. Wie steht es also mit der Sicherung der Meinungsvielfalt im globalen Zeitalter?

Etwa vierzig Kilometer südlich von München machte sich „eine kleine, feine Runde“, wie sie sich selbst in fast jedem Grußwort nannte, in der Evangelischen Akademie in Tutzing auf die Suche nach Antworten. Das Thema der Tagung kam mit der Überschrift „Das große Monopoly – Medienstandort Deutschland“ recht komplex daher. Vielleicht etwas zu komplex. Da standen dann die Tagungsteilnehmer bei Filterkaffee und Nusskuchen am Seeufer: hinter ihnen das altehrwürdige Tutzinger Schloss, vor ihnen die ungewisse Zukunft und ein Haufen Fragen.

Welche Konsequenzen zieht die Medienpolitik aus dem Fall Springer? Sollen wir ausländische Investoren willkommen heißen oder an der Grenze zurückschicken? Ist das bürokratische Monster der deutschen Medienkontrolle gerüstet für das globale Zeitalter? Oder, wie es Wolf-Dieter Ring, von der Gegenwart eingeholter Vorkämpfer für die Fusion von Springer und ProSiebenSat 1 und Präsident der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien, aufrüttelnd in die runden Sitzkissen sprach: Was ist, wenn jetzt der russische Energieriese Gazprom beim Fernsehkonzern einsteigt? Wie gut, dass mit Peter Preston ein weiser Herr des britischen Journalismus an den Starnberger See gekommen war. Der ehemalige Chefredakteur des „Guardian“ empfahl: Schaut lieber nicht zu viel zurück. Was kann angesichts der Internetkonkurrenz aus der Zeitung werden, frage er seine Kollegen oft. Und bekomme auch von englischen Verlegern bloß die Antwort. „We don’t know!“ Bleibe laut Preston nur, sich mit Verve in die Fluten der neuen Medien zu stürzen. Der „Guardian“ hat einen Online-Auftritt mit zwölf Millionen Nutzern im Monat, ein Webblog, das angesichts der dort veröffentlichten Poesiealben aus allen Nähten platzt. Prestons Analyse: Die traditionelle Zeitungskultur könne nicht ewig verlängert werden. Übersetzt: Alles ist im Fluss, nur wer vorne mitschwimmt, kann überleben.

Doch vorne schwimmt derzeit niemand der deutschen Medienmächtigen, fand der Hamburger Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg. Hierzulande sei doch alles nur geklaut: Billige Tabloid-Titel aus England, Buch- und DVD-Nebengeschäfte aus Italien, die Gratiszeitungsidee aus Skandinavien. Angesichts dieser Ideenarmut konnte Weischenberg nur noch vor französischen Verhältnissen warnen: Dort haben Rüstungsindustrielle wie Serge Dassault über 70 finanziell klamme Zeitungen, darunter auch den „Figaro“, übernommen. Doch ganz so schlimm muss es nicht kommen. Folgt man Miriam Meckel, Kommunikationswissenschaftlerin in St. Gallen, müsse man nur akzeptieren: „Der globale Kapitalismus ist eine Zweibahnstraße.“ Dafür erntete sie einhellige Zustimmung. „Wir müssen die Internationalisierung der Medienmärkte positiv gestalten“, sagte Meckel und schlug eine Reform der deutschen Medienregulation vor – weg von der föderalen Kleinteiligkeit, hin zu klaren und zentralen Entscheidungsinstanzen. Damit könne man das „chaotische Durcheinander“ verhindern. Das fand nur wieder Medienaufseher Ring nicht so gut.

Blieb nach dem letzten Pausenkaffee am Montagabend die Hoffnung, vom früheren Gruner + Jahr-Chef Gerd SchulteHillen Erhellendes über die Motivationslage ausländischer Finanzinvestoren im deutschen Pressewesen zu hören. Doch Schulte-Hillen, seit der MontgomeryÜbernahme im Aufsichtsrat des Berliner Verlages, hielt sich lieber bei amüsanten Verleger-Schnurren aus der Nachwendezeit auf. „Guardian“-Chefkolumnist Preston saß daneben und grinste schelmisch. Schon zuvor hatte er seine Erfahrungen mit Montgomery very british zusammengefasst: „If you see David Montgomery coming, move away!“ Dafür zumindest ist es zu spät.

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