Second Life : Ich bin ein Newbie, lasst mich hier drin

Vor einem Jahr sprachen alle von „Second Life“: Wer kein Alter-Ego auf dem wachsenden digitalen Planeten zu bieten hatte, wurde belächelt. Was ist eigentlich aus der Online-Welt geworden?

Kurt Sagatz
Second-Life
Second-Life - an zweiter Stelle? -Foto: Tsp

Berlin„Gebt uns das Geld zurück“, titelt der „Avastar“ in seiner Ausgabe vom 18. Januar: „Die Banken halten uns zum Narren, zahlen die Ersparnisse nicht mehr aus“, schildert Reporterin Coyne Nagy in ihrem Bericht die Auswirkungen der Bankenkrise. Bei einigen Geschädigten geht es um mehrere zehntausend Dollar. Allerdings nicht um reale US-Dollar, sondern um die sogenannten Linden-Dollar, mit denen die Bewohner der virtuellen Online-Welt „Second Life“ für Land, Gebäude oder Klamotten bezahlen. Gerade jetzt, wo Anleger im realen Leben nach dem Kurseinbruch an den Börsen um ihre Ersparnisse bangen, werden auch die Bewohner dieser künstlichen Welt mit den Schattenseiten des Lebens konfrontiert.

Genau vor einem Jahr begann für „Second Life“ (übersetzt Zweites Leben oder kurz SL) eine Boomphase sondergleichen. Nachdem es drei Jahre gedauert hatte, bis die 2003 gestartete Online-Plattform im Oktober 2006 den einmillionsten Besucher verbuchen konnte, explodierten im vergangenen Jahr die Benutzerzahlen. Über zwölf Millionen Menschen weltweit haben sich bislang einen Avatar als virtuelles Ich, eine Art persönlicher Stellvertreter in der Computerwelt, zugelegt und laufen nun als gestählter Bodybuilder, kurvenreicher Vamp oder als fantasievolle Tierfiguren durch „Second Life“. Zugleich endete 2007 auch die Zeit der reinen Harmonie, als klar wurde, dass das Zweite Leben mit Glücksspiel und Kinderpornografie nicht besser ist als das Original oder das restliche Internet. Linden Lab, die US-Betreibergesellschaft von „Second Life“, fuhr zwar sofort eine konsequente Null-Toleranz-Politik, doch das Image der „schönen neuen Welt“ war dahin. Die aktuelle Bankenkrise in SL ist dazu vergleichsweise undramatisch, da Linden Lab damit nur den Wildwuchs windiger Banken gestoppt hat. Nur Institute mit einer Banklizenz im realen Leben dürfen jetzt noch Geldgeschäfte anbieten.

Das Ende des „Second Life“-Hypes wird von vielen Fans ausdrücklich begrüßt. Jan Northoff und Tobias Neisecke führen zusammen die Geschäfte der Medienagentur YOUin3D.com. Besser bekannt ist das Unternehmen als Betreiber von NewBerlin, dem maßstabsgetreuen Nachbau der Hauptstadt in „Second Life“. Seit Dezember 2006 arbeiten Northoff und Neisecke zusammen mit einem Team aus elf festen Mitarbeitern und vielen weiteren SL-Enthusiasten an der Umsetzung dieses Ziels. Auch wenn der Besuch von NewBerlin nichts kostet, war die Agentur von vornherein kommerziell ausgerichtet. Der bisherige unternehmerische Höhepunkt war die Eröffnung der virtuellen „Alexa“-Shopping-Mall im Auftrag des realen Betreibers von „Alexa“, jenem neuen Kaufhaus am Berliner Alexanderplatz. Ein Teil der Originalläden ist auch in SL zu finden, wenngleich Firmen wie Nici oder Doorbreaker und Bodycheck ihre „Kunden“ derzeit noch umsonst mit schicken Taschen, T-Shirts oder kleinen Teufelsfiguren ausstatten.

NewBerlin ist genau wie die reale Stadt ein wahrer Besuchermagnet. Das starke Wachstum der Online-Welt machte es für die SL-Betreiber Linden Lab im vergangenen Jahr notwendig, lokale Communities aufzubauen. Sie sollten sich eigenständig um die vielen neuen Bewohner kümmern. Der alte Landepunkt für neue SL-Bewohner aus Deutschland, eine verfallene Burg, hat inzwischen ausgedient. Nun beginnen die deutschen „Newbies“, so nennt man die neuen Besucher, ihr virtuelles Leben in Frankfurt oder eben am Alexanderplatz in NewBerlin. Über 10 000 Newbies kamen bislang im Dreieck zwischen „Alexa“, Kongresszentrum und Weltuhr an.

Viele Newbies sind auf der Durchreise. Auch wenn Northoff den Begriff Karteileichen nicht gelten lässt, wird nur aus einem Bruchteil der registrierten SL-Neulinge ein dauerhafter Bewohner der Kunstwelt. „Meine erste E-Mail-Adresse habe ich anfangs auch nur einmal monatlich abgerufen“, sagt Northoff. Von den rund eine Million deutschen „Second Life“-Nutzern zählen nach Einschätzung der NewBerlin-Betreiber 60 000 bis 70 000 zu den wirklich aktiven Teilnehmern. „Vor allem in Städten wie Berlin, Frankfurt, München oder Köln, die in SL mit eigenen Nachbauten vertreten sind, sind die Menschen sehr aktiv. Dazu gehören sicherlich zwischen 2000 und 3000 Berliner. Die Beteiligung der Hamburger, deren Stadt nicht nachgebaut wurde, ist dagegen sehr schwach“, sagt Tobias Neisecke.

Das könnte sich bald ändern. Das Hamburger Schauspielhaus begibt sich mit dem Theaterstück „Die Helden auf Helgeland“ von Henrik Ibsen als eines der ersten Theater weltweit live in die virtuelle Welt von „Second Life“. Die Schauspieler spielen einerseits wie gewohnt auf der Bühne des Malersaal. Andererseits agieren sie unter der Regie des 30-jährigen Roger Vontobel als Avatare im virtuellen Raum. Die sechs Schauspieler sitzen dabei auf der Hamburger Bühne vor Computern, während ihre künstlichen Entsprechungen in dieser Nibelungen-Abwandlung auf einer Leinwand ihre Kämpfe austragen.

Überhaupt: Die mediale Ruhe um „Second Life“ bedeutet nicht, dass es in der Computerwelt langweilig wird. Ganz im Gegenteil. Am 15. Februar startet im virtuellen Raum die SL-Fußball-Weltmeisterschaft, an der neben Deutschland noch 14 andere Mannschaften unter anderem aus Frankreich und Italien sowie Brasilien und Argentinien teilnehmen. Organisiert wird der Wettkampf von Italien aus. Da das deutsche Team nach zuletzt drei gewonnenen Freundschaftsspielen zu den Favoriten gehört, rechnet Neisecke fest damit, dass mindestens eine Begegnung auf dem virtuellen Platz direkt neben dem Fernsehturm stattfindet. Um die Server nicht allzu sehr zu belasten, erinnert die Mannschaftsaufstellung allerdings eher an Hallenfußball. Neben den Torwarten dürfen pro Mannschaft nur fünf Feldspieler auf den Platz. Genauso beschränkt ist auch die Zuschauerzahl, da sie ebenfalls vom Server berechnet wird. Ein Ausweg wäre wie im realen Leben Public Viewing, also die Übertragung an eine andere Stelle. „So etwas wäre auch interessant für die anstehende Fußball-Europameisterschaft. Doch dafür müsste zuerst die Rechtefrage geklärt werden“, sagt Tobias Neisecke. Zurzeit besteht das virtuelle Berlin aus drei Parzellen. Rundherum wurde genügend Platz gelassen, um die Stadt von Charlottenburg bis Friedrichshain und von Pankow bis Neukölln abzubilden. Nach dem Medien-Hype des Vorjahres können sich die NewBerlin-Betreiber neuen Zielen zuwenden. Wenn sie genügend Investoren finden, wollen sie die Prachtstraße Unter den Linden nachbauen. Fest steht jedenfalls: Die Attraktivität von „Second Life“ ist ungebrochen.

www.berlinin3d.com

http://de.secondlife.com

www.avastar.de

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