Medien : Seele und Teufel

Im ARD-Film „Meine böse Freundin“ treffen zwei ungleiche Frauen aufeinander

Barbara Sichtermann

Der Titel klingt ein wenig verspielt, so als sei alles nicht so ernst gemeint. Aber das täuscht. „Meine böse Freundin“ ist ein ziemlich harter Film. Und deshalb so gut. Es geht um die verzweifelte „Wer bin ich?“-Suche in der Jugend, eine Suche, die ihre Gefahren hat. Zwei Mädchen kurz vorm Abi lernen sich in der Schule kennen. Isa (Alice Dwyer) ist neu und nicht schlecht in Mathe, ein freches, kühles, kurz angebundenes Biest. Ellen (Anna Maria Mühe) ist eher ein Herzchen, verträumt und lieb, aber tief verunsichert durch die Ehekrise ihrer Eltern. Und gar nicht gut in Mathe. Isa lässt sie abschreiben. Und so kommen die beiden einander näher. Eines Tages küsst Isa die verblüffte Ellen zum Abschied auf den Mund. In Ellens großen Augen glüht Hoffnung: einen Menschen zu finden, gefunden zu haben, der ihr nahe ist. Denn sie ist einsam.

Was sie nicht ahnt: Ihre neue „böse“ Freundin ist es gleichfalls. Sie ist so furchtbar einsam, dass sie Nähe fast reflexhaft zerstören muss, obwohl sie nicht allein sein kann. Die geliebte Mutter vegetiert nach einem Schlaganfall im Pflegeheim. Die resolute Schwester, bei der Isa lebt, hat Mama abgeschrieben: „Sie stirbt.“ Isas Strategie, mit der sie zu bestehen hofft, heißt: niemals Schwäche zeigen, immer die Oberhand behalten. Das ist auch ihre Devise bei der neuen Freundin. Die arme Ellen wird von ihr einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt. Mal ist Isa verschwörerisch-zärtlich, mal abweisend und zynisch. Ellen versteht erst nicht. Sie glaubt an das Gute, ignoriert das Böse. Und leiht der geliebten Isa Geld für die Führerscheinprüfung, schenkt ihr sogar ein Auto. Die Eltern sind entsetzt. Zwar haben sie – er Arzt, sie Therapeutin – Geld genug. Aber sie können und wollen nicht zusehen, wie ihre Tochter dieser dubiosen Freundin verfällt. Und Isa selbst? Ihr Kommentar zu der großzügigen Gabe lautet: „Willst du mich kaufen?“ Wieder muss Ellen, die ja auch ihr Herz anbietet, einen Tiefschlag einstecken. Jetzt beginnt auch sie zu zweifeln.

Das Doppelporträt zweier Mädchen fasziniert durch die Gleichzeitigkeit von Annäherung und Abwehr, von Öffnung und Verletzung, womit beide, die Seelenvolle und die Diabolische, sich ineinander spiegeln und den Spiegel immer wieder zerschlagen. Isa ist die Manipulateurin, die Ellen nach ihrer Pfeife tanzen lassen will, Ellen aber wächst an ihren Enttäuschungen und reift zur ebenbürtigen Gegnerin. Als Isa der treu ihre Verabredungen einhaltenden Gefährtin hinreibt: „Wenn ich was Anhängliches brauche, kaufe ich mir ’nen Hund“, ist Ellen nicht einfach nur gekränkt. Sie erwacht aus ihrer heilen Welt und liest als Nächstes den fremdelnden Eltern die Leviten. Dieser harte Weg des Erwachsenwerdens verursacht hohe Kosten. Isa kommt nicht über den Tod der Mutter hinweg, Ellen nicht über die Infamie ihrer Freundin. Das Drama endet, folgerichtig, im Desaster.

Drehbuchautorin Hannah Hollinger hat eine schlüssige, bewegende Geschichte erfunden, Regisseurin Maris Pfeiffer sie in unprätentiöse, melancholische, fesselnde Bilder gebracht, die eine elektrisierende Spannung transportieren. Die beiden jungen Schauspielerinnen Dwyer und Mühe agieren erstaunlich sicher und kraftvoll, man folgt dem bizarren Tanz, den sie umeinander aufführen, mit Bewunderung und Befremden. Das kann eine Wirkung starker Schauspielkunst sein: dass ein Rest Distanz beim Zuschauer bleibt und er gerade darum versteht, was psychodynamisch passiert.

„Meine böse Freundin“, 20 Uhr 15, ARD

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