Medien : Seid nicht nett zueinander

Barbara Sichtermann versucht zu ergründen, warum Frauen besonders hart über Frauen richten

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Zu den Lieblingsträumen der Frauen bei ihrem Aufbruch ins Berufsleben gehörte ein Bild aus der Welt des Bergsteigens: die Seilschaft. Wenn wir was erreichen wollen, müssen wir zusammenhalten. Die Männer haben es Jahrhunderte lang geübt und machen es vor: Wie einer den anderen mitnimmt und hochzieht, wie sie Brüder, Freunde und alte Kumpane protegieren, ohne dass es auffällt. Und wie sie uns schön draußen halten. Das können wir doch genauso.

Und jetzt? Weibliche Karrieren sind nichts Ungewöhnliches mehr. In Medien und Politik kommen Frauen verstärkt nach vorn. Doch wo sind ihre Seilschaften? Erfolgreiche Journalistinnen und Ministerinnen, befragt nach Persönlichkeiten, die sie gefördert haben, nennen Männer. Nun gut, es gab vor Jahr und Tag noch nicht genug Frauen an Schaltstellen, die weiblichem Nachwuchs den Weg hätten ebnen können. Aber allmählich müsste es so weit sein und erste subversive Aktionen von Frauen, die einander in höhere Ämter hieven, notorisch werden.

Was man hört, ist eher das Gegenteil. Da hat doch kürzlich im „Stern“ die Journalistin Franziska Reich der FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper derart fies den Marsch geblasen, dass es einen Offenen Brief seitens der Bundesvereinigung Liberale Frauen setzte. Eine solche platte Polemik sei nicht hinzunehmen. Man bitte um Rückkehr zu „angemessenen Umgangsformen“. Von derselben Autorin war, ebenfalls im „Stern“, voriges Jahr ein Artikel erschienen, der die ARD-Moderatorin Sabine Christiansen reichlich biestig runtermachte – das „schmale Vögelchen im weißen Kostüm“ erschien als chronisch überforderte Hysterikerin, inkompetent und eitel. Und die böseste Attacke, die auf Hillary Clinton während ihrer Buch-Promotion-Tour in Deutschland geritten wurde, stammte auch von einer Frau – von Evelyn Roll („Süddeutsche Zeitung“). Kennen Frauen statt der fälligen Solidarität nur Rivalität? Braucht es keine Männer, um sie abzuschießen, schaffen sie das alleine? Sind Frauen zu Frauen besonders gemein?

„Stutenbissigkeit“ ist ein Wort, das noch nicht lange im Schwange ist, das also ein neues Phänomen bezeichnet. Aber wie kam es dazu?

Nun, Konkurrenz will gelernt sein. Männer wissen, dass sich Macht mehren lässt, indem man sie teilt – dieses Wissen entstammt der Erfahrung, die bei den ungeschriebenen Gesetzen des sozialen Lebens, bei allen unseren Routinen, Winkelzügen und spontanen Reaktionen die vertrauenswürdigste Lehrmeisterin ist. Frauen können noch so viele Träume und gute Absichten haben – auch sie handeln instinktiv aus Erfahrung. Und die sagt ihnen vorderhand: Bau auf die Kerle, denn in deren Händen laufen die Fäden zusammen. Und wenn du, zum Beispiel als Journalistin, die Chance hast, einem dämlichen männlichen Abgeordneten ordentlich eins überzubraten, so überleg’ es dir zwei Mal. Der Typ könnte Rache üben, und dann bist du weg vom Fenster. Das sind simple Überlebensstrategien, die jeder Mensch verinnerlicht, der im öffentlichen Leben steht.

Trifft aber dieselbe Journalistin auf eine Frau, sei es eine TV-Entertainerin oder eine Politikerin, der sie an den Karren fahren möchte, so klingen die Alarmglocken leiser. Was hat sie denn schon zu befürchten? Frauen steigen ein, aber nicht auf, und wenn doch, ist ihre Glanzzeit meist kürzer. Zwar sind sie im Prinzip genauso rachedurstig wie Männer, aber sie haben weniger Mittel, ihrer Wut Taten folgen zu lassen. Also kann man zu ihnen folgenlos gemein sein… Und dann wäre da noch ein Punkt: Welcher Mann macht heutzutage gern eine Frau zur Sau? Wenn es darum geht, bei einer Generalsekretärin oder Starmoderatorin ein wenig unter die Gürtellinie zu zielen, beauftragt die Redaktion lieber eine Geschlechtsgenossin – damit der Vorwurf des Sexismus nicht laut wird.

Alice Schwarzer hat kürzlich in der „Zeit“ (Nr. 45 /03) die These aufgestellt, dass es für Mädchen schwer oder unmöglich sei, weibliche Vorbilder zu finden, denn es sei Frauen verwehrt, sich als Vorbild zu begreifen und anzubieten. Ja, es herrsche ein regelrechtes Vorbild-Verbot für Frauen. Macht hätten sie nur als Mütter (also im Binnenraum der Familie oder bestenfalls eines Clans), und nur als Mütter dürften sie Vorbild sein. Na, so einfach ist es inzwischen aber nicht mehr! Zwar haben Frauen es mit der Gleichheit in puncto reale Macht noch längst nicht geschafft, doch sie sind sehr wohl auf dem Weg. Der Fortschritt vollzieht sich allerdings so langsam, dass man sich täuschen kann und seufzen möchte: Es ist ja alles wie gehabt. Indessen: Wäre es so, könnte man zum Beispiel die „Stutenbissigkeit“ nicht erklären. Denn die setzt ja Frauen auf höheren Posten voraus. Sie ist ein Phänomen des Übergangs.

Zu den interessantesten Erfahrungen von Frauen, die sich in Führungspositionen behaupten, gehört das Ausagieren von Aggressivität. Neutral verstanden als „Herangehen an die Dinge“ ist sie unverzichtbar für jede Karriere. Powerfrauen haben es nicht mehr nötig, daheim ihre Männer anzumaulen, weil sie ihren Selbststand da verteidigen können, wo solche Kämpfe hingehören: in den funktionalen Zusammenhängen des Berufs. Dabei erleben sie: Durchgreifen macht Spaß. Zuhauen (im übertragenen Sinne bitte sehr) auch. Also: Ran an den Feind! Einstweilen ist der „Feind“ (die Umstände, die männlich geprägten Strukturen) noch stärker. Deshalb: Vorsicht. Zugleich aber lässt sich die einmal entbundene Aggressivität nicht mehr stoppen. Und da im Medienwesen spitze Federn besonders beliebt sind, hält keine Frau, die über eine solche Feder verfügt, lange still. Die Lösung: Sie kühlt ihr Mütchen an anderen Frauen. Sabine Christiansen ist sowieso umstritten, geben wir ihr noch eins drüber. Für Cornelia Pieper, Hillary Clinton und Angela Merkel gilt dasselbe. Die „Stutenbissigkeit“ also beweist nicht unbedingt, dass Karrierefrauen einander nur als Rivalinnen begegnen, sondern eher, dass sie sich nach ersten geglückten Schritten in die Öffentlichkeit klugerweise schwache Gegner wählen.

Das ist rational, wenngleich nicht nett. Aber es schadet auch nicht nur. Denn die Angegriffenen erhalten die Chance, Stehvermögen einzuüben, was umso leichter fällt, als die Attacke einer Frau meist nicht gleich zum k.o. führt. Stehvermögen ist die andere Seite der Aggressivität, sie ist genauso wichtig, denn austeilen, ohne einstecken zu können, das gilt nicht. Hat Cornelia Pieper den Offenen Brief wirklich gebraucht? Wie wäre es gewesen mit „Was kümmert es die Eiche, wenn sich die Sau dran wetzt?!“ Christiansen, Clinton, Merkel – sie sind schon so oft geschmäht worden und haben, wie es scheint, respektable Nehmerqualitäten dabei entwickelt.

Es ist auch nicht wahr, dass keine dieser (und ähnlich dominanten) Frauen zum Vorbild taugt oder eine solche Rolle strikt ablehnt. Wem junge Mädchen nacheifern, das ist ohnehin kaum zu steuern, und zu verbieten ist da auch nichts. Sie beginnen mit Britney Spears, und wenn sie größer werden, gehen sie über zu Gwyneth Paltrow, Sandra Maischberger, Gabi Bauer, Renate Schmidt oder – warum nicht – Angela Merkel. Dass wir noch viel mehr solcher Superwomen brauchen, heißt doch nicht, dass die, die es schon gibt, ihr „role model" nicht spielen – ob sie es nun wollen und wissen oder nicht.

Auch die Frauenseilschaft wird irgendwann kommen, wahrscheinlich setzt ihre Entstehung eine größere Frauendichte in höheren Rängen voraus. Möglicherweise wird sie tragisch enden – weil sie just in dem historischen Augenblick funktionsfähig werden könnte, in dem Frauen sie nicht mehr brauchen. Weil das Geschlecht, selbst bei der Bewerbung um das höchste Amt im Staat, keine Rolle mehr spielt. Klar werden dann auch Männerseilschaften überflüssig, jedenfalls so weit es in ihnen darum geht, Frauen auszuschließen. Wahrscheinlich werden gemischte Seilschaften entstehen, die sich nur noch gegen die Konkurrenz mit dem fremden Stallgeruch wenden. Vorläufig ist das eine Utopie. Aber eine von der Art, die mal Wirklichkeit wird.

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