Medien : Sein zweiter Arm

Phobie und Panikattacken: Kommissar Tauber bekommt es mit der Angst zu tun

Thilo Wydra

Der Schuss ging nach hinten los. Kriminalhauptkommissar Jürgen Tauber (Edgar Selge) hat den verdächtigen Geschäftsmann Hermann Denninger (perfide: Herbert Knaup) bereits aus dem Verhör entlassen, Taubers Kollegin Jo Obermaier (Michaela May) und ein paar Polizeibeamte sind schon aus dem Raum raus. Tauber und Denninger sind allein, im Gehen begriffen, haben sich schon die Hand gegeben. Doch Tauber will den Mann gar nicht gehen lassen, hält er ihn doch für schuldig an dem Mord einer Edelprostituierten, die in jenem Münchner Hotel öfters ein und aus ging, in dem der aalglatte Denninger sich in einer Wohnsuite eingemietet hatte. Nun fand man ihre Leiche an der Isar.

Tauber ist sich sicher: Der Denninger war’s. Zumal die Prostituierte abends bei ihm war. Doch keine Beweise. Nichts Greifbares. Nur Tauber’sche Theorien. Außer der Krawattennadel, die Obermaier und er in der Nähe des Tatortes finden. Denningers Krawattennadel. Und die hält Tauber ihm nun triumphierend hin, versteckt grinsend, nach einem eher sanften Verhör. Ein Alleingang ohne die Kollegin.

Ein Alleingang, den Tauber bereuen wird. Denninger, der sich schon in Freiheit und Sicherheit wiegt, fühlt sich durch Taubers Nummer derart provoziert, dass er auf ihn losgeht, ihm an die Gurgel geht, bis der Kommissar bewusstlos zu Boden geht, mit fahlem bleichem Gesicht. Er, der Einarmige, hatte keine Chance.

Fast wäre es zu spät gewesen. Eine Grenzerfahrung. Fortan schleicht Tauber wie paralysiert durchs Präsidium, zieht mit Kapuze gebeugt wie ein einsamer Mönch durch die Straßen seines Viertels in München, schreckt bei allem zusammen, hat Angst vor Geräuschen und Schritten in der eigenen Wohnung, will bei Einsätzen sofort schießen, hat Angst, suspendiert zu werden. Irgendwann fragt er den Polizeipsychologen: „Wer will schon noch einen Kommissar, der Angst hat?“

„Taubers Angst“ – spannend-stringent geschrieben und einfühlsam inszeniert von Klaus Krämer – ist ein sehr um die Persönlichkeit von Kommissar Tauber kreisendes, subtiles Psycho-Drama, bei dem der Fall zwar präsent ist und pressiert, aber nicht wirklich im Vordergrund steht. Denn hier geht es um das Umkippen einer Person, die ihren Halt verliert, geht es um eine Form vorübergehenden Persönlichkeitswandels. Das ist beklemmend und bestechend. Das alte Trauma, schlecht verarbeitet oder doch nur gut verdrängt, auch noch seinen zweiten Arm zu verlieren, kommt in Tauber wieder hoch, er hat Albträume, und er scheint wie unter einer Käseglocke zu leben, im beinahe autistischen Reich eines von Phobien, Ängsten und Panikattacken geplagten Mannes.

Tauber ist nicht mehr Tauber. Stabilität weicht Labilität. Der Kommissar verliert seine Souveränität, die er wie einen Schutzmantel für seinen Job braucht. Der Ermittler wird zum Opfer, ist angreifbar, verletzbar, schwach. Und gefährdet dadurch sich und auch seine Kollegin. Und erst nervt es die Kollegin Obermaier gewaltig, dann tritt Besorgnis in ihr diesmal arg verschnupftes Gesicht. Besorgnis, weil der Tauber nicht mehr bei sich ist. Weil seine Verlässlichkeit auch verloren scheint.

Edgar Selge, der soeben mit der „Goldenen Kamera“ in der Kategorie „Bester Schauspieler“ ausgezeichnet wurde, spielt den sympathisch-linkisch verschmitzten Münchner Kommissar noch bis 2008, dann will und wird er aufhören, neue Rollen warten. Heute liefert der Schauspieler wohl eine seiner besten Leistungen in dieser ARD-Reihe, die Qualität und Quote zumeist problemlos zu vereinen vermag.

„Polizeiruf 110 – Taubers Angst“: ARD, 20 Uhr 15

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