Sendekonzept : Literaten am Fluss

Zum Ingeborg-Bachmann-Preis hat 3sat das Autorenporträt dazu erfunden. Geboren wurde das Format ursprünglich als Pausenfüller.

Hendrik Feindt
Kathrin Passig
"Sie befinden sich hier": Mit diesem Text gewann Kathrin Passig den Ingeborg-Bachmann-Preis 2006 in Klagenfurt. -Foto: dpa

Seine Geburtsstunde liegt in der Funktion des Pausenfüllers. Achtzehn Jahre ist es her, dass man sich in Mainz, in Zürich und in Wien entschlossen hatte, die Klagenfurter Autorenlesungen und die Diskussionen der Jury um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Gänze im Fernsehen zu übertragen: Je Kandidat sind das 30 Minuten Lesung und 30 Minuten Diskussion, das bedeutet 18 Stunden Sendezeit live, verteilt auf zweieinhalb Tage. Und von Anbeginn stellte sich in den angeschlossenen Kulturredaktionen eine vordergründig nebensächliche Frage: Was zeigen wir bloß in den wenigen Zwischenminuten, wenn eine Bewerberin oder ein Bewerber das Podium verlässt, der nachfolgende Kandidat es betritt und Dritte die Pause zum Austreten verwenden? Nichts lag näher, als dem Fernsehpublikum den jeweils nachfolgenden Autoren vorzustellen: je drei Minuten für einen Literaten – das ist weitaus länger als die meisten Programmtrailer oder ein kommerzieller Werbespot.

Eingestandenermaßen handelt es sich um eine schwierige Gattung. Denn die kurzen Porträts sollen Information über den Kandidaten vermitteln, ohne Nennenswertes über den zu jurierenden Text und sein Projekt zu verraten. Die Mitwirkung des Autors ist erwünscht – eine Minderheit unter ihnen nimmt sogar die Regie in die eigene Hand –, aber die Kontrolle verbleibt in den Händen der Redaktion. Erstaunlich ist nahezu, wie vor drei Jahren Uwe Tellkamp seine Vorstellungen durchsetzen konnte (und Preisträger wurde): Er drehte ein an Hugo von Hofmannsthal geschultes Selbstporträt als Gang in die Bühnenrequisite und einen Prolog, der ganz seinem nachfolgend der Jury präsentierten Text vorausempfunden war. In der Auswahl 2005 hatte dann einzig Barbara Bongartz eine schlüssige Antwort auf die Prämissen gefunden. Ihr Kurzporträt verzichtete auf das gesprochene Wort; stattdessen zeigte und zelebrierte eine Vielzahl von Naheinstellungen, wie sie isst, wie sie joggt und wie sie die Tastatur ihres Schreibgerätes bedient ... und damit dennoch nicht den Konstanten der Gattung entging.

Denn was hat sich mittlerweile für das Genre des Autorenkurzporträts eingespielt? Zuerst und immer wieder der Blick auf den Schriftsteller als Homo movens. Schuhe, die Brücken überqueren, Trottoirs ab- und Flussufer entlanglaufen. Kathrin Passig, Laureatin 2006, durfte sich in dieser Rolle gefallen. Kandidaten sind schließlich Menschen, die weiterkommen. Dann der Einblick ins Stammcafé: Der Literat ist ein geselliges Wesen, er erweitert seinen Erfahrungshorizont durch Belauschen der Gespräche am Nebentisch. Gelegentlich erlaubt die Kamera einen Blick auf den häuslichen Arbeitsplatz. Denn wo entstünden Texte, wenn nicht im Heim und im Nahbereich der Familie. Gern unterlegt mit einer Tonspur: Literatur ist Rhythmus und eine willkommene Untermalung des Lebens.

Für die diesjährige Auswahl ist das Requisit des Telefons hinzugekommen – modernere Kommunikationsmittel wie das Internet sind offenbar nicht in Gebrauch. Heutige Autoren, das wollen die Porträts besagen, lassen sich ihre Informationen von Freunden besorgen, die dann willfährig auf den Anrufbeantworter sprechen. Hinzu kommt die Fotodokumentation aus dem Weichbild der Umgebung. Und der Blick aus dem Fenster. Kandidat Martin Becker etwa verweigert jede „bedeutungsschwere Aussage“ über das, was Literatur zu sein hat. Schreiben heißt für ihn für sieben Achtel der Zeit hinausschauen.

Pausenfüller, schrieb 1981 der französische Film- und Fernsehkritiker Serge Daney, haben im Fernsehen eine schwache Interpunktion. Ihr Auftrag sei die Besetzung des Bildschirms, um den Zuschauer vor dem Umschalten zu bewahren. Ihre semantische Funktion dagegen sei von Belanglosigkeit. Insofern werden die Autorenporträts den Prozess der Preisfindung vielleicht gar nicht beeinflussen. Einer der diesjährigen Kandidaten, Peter Licht, hat das wohlverstanden. Sein selbst kompiliertes Porträt zeigt ausschließlich Fernsehbilder von der Akklamation hoher Würdenträger: die Queen, den Papst und die Präsidenten im Jubel der Mengen. Akustisch dazu Fetzen von Gesprächen, wiederum am Telefon,Die Rede ist von einer Überweisung. Was wäre denn also der medial inszenierte Literaturbetrieb, ginge es nicht um eine geldwerte Publizität?

„Ingeborg-Bachmann-Preis 2007, Lesungen und Diskussionen“, 3sat, Donnerstag und Freitag 8 Uhr 55 bis 13 sowie 15 bis 18 Uhr, Samstag von 8 Uhr 55 bis 13 Uhr. Die Ausstrahlung der Autorenporträts soll jeweils zur vollen Stunde erfolgen.

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