Medien : Senden, bis die Zerrung kommt

Im Fernsehen haben alle immer ungefähr die gleiche Idee: Show, Dokumentation, Serie. Vor der WM müsste jeder Beitrag mit Fußball prima laufen – ein Irrtum. Aber es gibt Rosinen im Einheitsbrei

Bernd Gäbler

Die Zeiten stehen gut für die 1:0-Berichterstattung. Noch zur Jahreswende war es Konsens, dass es zur Weltmeisterschaft gelte, den Fußball zu begreifen: als Wirtschaftsfaktor, als Phänomen der Kultur, als Feld des Geschlechterkampfes – und ihn ernst zu nehmen als Gegenstand der Unterhaltung.

Jetzt hat sich der Wind gedreht. Der Ball soll rollen. Die Inflation frisst ihre Kinder. Interpretationen wirken wie Ersatzkaffee, das Gequatsche nervt, das Fernseh-Programm quillt über von Fußball-Formaten.

Gute Fernsehunterhaltung kombiniert die Geborgenheit im Ritual mit pfiffigen Vorstößen ins Neuland. Bei den vielen Shows rund um den Ball allerdings bleibt es meist beim Ritual; der Vorstoß wurde ans Kulturprogramm delegiert. Ob bei Johannes B. Kerner oder Jörg Pilawa, im wohligen Kaffeekränzchen erzählen bekannte Protagonisten das Immergleiche: Wie Netzer sich selber einwechselte und was für ein lustiger Bursch der Maier Sepp war; wie öde das Trainingslager in Malente und wie forsch die Spielerfrauen in den USA; Klaus Fischer wirft sich per Fallrückzieher auf eine Matte und ein Österreicher erzählt von der „Schmach von Córdoba“. Und: Neuerdings sind immer Köche dabei. Umschichtig darf Oliver Pocher dann als Gast den frechen Lausbub spielen, der erst beleidigt und dann versöhnt. Zum Glück beschränkt sich dessen Talent nicht darauf, mit Grölgesang den DJ-Ötzi-Nachfolger zu mimen. In seiner eigenen Show „Pochers WM-Coutdown“ bei Pro 7 gibt es sogar redaktionelle Ideen, deren beste – etwa das Gespräch mit der „polnischen Verwandtschaft“ von Miroslav Klose – sogar anrührte. Sehr unterschiedlich ist der Aufwand für diese Art Großshows – doch die Quotenerwartung haben sie bisher alle verfehlt. Sie sollen massenkompatibel sein, weswegen Interessantes, Neues, Witz und Hintergrund ohnehin meist fehlen, dabei war von den fußballnahen „Chart-Shows“, „Hit-Giganten“ und Oliver Geissen noch gar nicht die Rede.

Erfolgreich liefen auf Sat 1 Kinofilme wie „Das Wunder von Bern“ oder „Kick it like Beckham“. Eigenformate haben es da schwerer. Sönke Wortmann versteht etwas von guten Kamerapositionen, schönem Musikeinsatz und bunten Trikots. Das merkt man auch seiner liebenswert melancholischen Fußball-Serie „Freunde für immer – Das Leben ist rund“ an. Etwas lau ist allerdings der Plot, noch lauer sind die Einschaltquoten. Sat 1 reagiert: „Freunde für immer“ wird von der kommenden Woche an statt am Dienstag am Montag um 23 Uhr 20 ausgestrahlt.

Eigenartig unentschieden blieb eine auf Arte ausgestrahlte, fünfteilige Doku-Soap über Wacker München, Zweitligist im Frauenfußball. Sollte man nun wie selbstverständlich ambitionierte Amateur-Sportlerinnen zeigen oder doch lieber Kokettes bieten über Beinrasur und stramme Waden, mangelnde Kleidermode und die Sexiness des Trainers? Die Autoren mochten sich nicht entscheiden.

Guido Knopp dagegen hat das fernsehtypische Dilemma, es möglichst vielen recht zu machen, kurzerhand zum Programm erhoben: sein Doku-Märchen „Wir Weltmeister“ im ZDF sollte Frauen den Fußball und Männern Liebeskitsch erträglich machen. Es war wie bei Klaus Bednarz, der stets am Baikalsee zur Balalaika griff: Die härtesten Kerle sind auch die sentimentalsten. Kaum bot Guido Knopp einmal nicht Hitler, sondern dem Ball die Stirn, schmolz er auch schon dahin. Als „kosmisches Gesetz“ konstruierte er die Idee von der vollständigen Übereinstimmung zwischen Titelgewinn und erfüllter Liebe. Das kann man tun. Warum nicht einmal Neues ausprobieren? Elastisch ineinander schmiegen mochten sich die Handlungsstränge aus Fußball-Dokumentation, Liebesgeschichte von Max und Anna und deutsch-deutscher Historie aber nicht. In den Scharnieren klemmte es gewaltig – etwa wenn nach dem Berliner Mauerbau auch bei der WM in Chile gemauert wurde. Auch bei der Musikauswahl verdrängte der Rührselige den exakten Historiker, aber eine so schön gefilmte und mit markanten O-Tönen aufbereitete Darbietung der wichtigsten deutschen WM-Tore sah man zuvor nirgendwo.

Vor kurzem hatte die ARD noch große Sorgen um ihren Feature-Platz am Montag. Mit dem Trick, hier die Reihe „Legenden“ auszustrahlen, hat sie sich dieser vorläufig enthoben. Unverständlich bleibt allerdings, warum zum Beispiel die Folge über Diego Maradona exakt in der Version von 2001 gesendet wurde – und uns so dessen wirklich legendäres Comeback als Fernsehmoderator vorenthalten wurde. Mit Anne Will als Koregisseurin setzte Tom Ockers in der ARD dem bevorzugten Sportrechte-Händler und Fußballanalytiker Günter Netzer ein Denkmal. Übertrieben bescheiden wirkte dieser nicht. Den braven Messdiener zum Hochamt gab Gerd Delling. Elke Sommer erzählte vom Kuscheln.Nichts fehlte in der bunten Montage, aber allzu willig griffen die Autoren in den Topf mit Superlativen. So wurde Netzer fälschlicherweise gar „als einer der ersten Ausländer“ bei Real Madrid gefeiert. Aber Selbstthematisierungen sind immer schwer. Selbst Günter Ederer, der wegen seines ökonomischen Realismus in der ARD häufig als neoliberaler Provokateur gilt, wirkte zum Thema Fußballgeschäft zahnlos.

Vieles wurde extra zur WM erdacht und funktioniert gerade deswegen nicht. Ganz anders kommen die „Helden der Kreisklasse“ daher, die Kabel 1 leider auf eine späte Stunde verlegt hat. „Nie mehr zehnte Liga!“ – das ist das Motto des SSV Hacheney, der vom stets fröhlich lispelnden Manni Burgsmüller kumpelhaft gecoacht wird. Trotz Zulauf und TV-Präsenz sind die Mannen um „Knipser“ Olli Welner – der technisch versierte, dünnbeinige Sascha und Lars, der abnehmen musste, Deniz und Mustafa, „Pommes“ und der Kassenwart im Tor – überraschend uneitel geblieben. Diese charmante Doku-Serie singt ein Loblied auf den Fußball an der Basis und auf Ascheplätzen. Sie könnte ein Vorbild sein für die Dritten Programme, die wie das Südwest-Fernsehen ihr Geld lieber für PR-Magazine wie „Treffpunkt Betzenberg“ vergeuden.

Im Fernsehen ist es wie vor dem richtigen Spiel: Zum Aufwärmen gibt es kaum Ballzauber, aber viele Dehnübungen.

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