Medien : Senden, was läuft

Das Inforadio des RBB feiert zehnten Geburstag – als Zweitradio

Olaf S,ermeyer

In der Welt von Andreas Wertz hören Hausfrauen aus Eberswalde nicht immer „Roger Witthacker“ bei Antenne Brandenburg, Studenten aus Kreuzberg nicht immer die „White Stripes“ bei Radio Eins, und Zahnärzte aus Zehlendorf nicht immer Philharmonisches von Sir Simon Rattle im Deutschlandradio Kultur. Sie wechseln auch manchmal auf 93,1 – zum Inforadio.

„Wir wollten immer Zweitradio sein“, sagt der Chefredakteur vom Inforadio des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), und hat kein Problem damit, in vielen Autoradios auf Taste „2“ zu liegen. Wertz sieht im Inforadio eine Ergänzung zur täglichen Radiokost; im seichten Berlin-Brandenburger Wellensalat findet so bissfeste Nachrichten, Hintergründe und Analysen, wer danach sucht – und das waren zuletzt 6,4 Prozent aller Radiohörer im Verbreitungsgebiet, das in Berlin seinen Schwerpunkt hat. Denn das Inforadio ist ein Metropolenradio, auch wenn seine Macher das nicht hören mögen; aber empfangen kann man das Inforadio eben schwerlich auf dem flachen Brandenburger Land. Im Oderbruch und in der Prignitz fahren die mit Inforadio auf Taste „2“ öfter mal durch ein Tal der Ahnungslosen. Aber die Hörerzahlen steigen und steigen seit dem Start Ende August 1995; die jüngste Media-Analyse weist aus, dass werktäglich mehr als 300 000 Hörer einschalten.

„Wir betreiben hier das Kerngeschäft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – nämlich Informationsvermittlung.“ Nicht mehr und nicht weniger. Basta. Das ist seit zehn Jahren so, und so lange ist Wertz schon dabei, und das soll auch so bleiben. Das Inforadio sendet rund ums Ziffernblatt aus den klassischen Ressorts Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport – und das alle 20 Minuten aktualisiert in so genannten Sendeschleifen. Spätestens nach einer Dreiviertelstunde wechseln die meisten Hörer wieder zum Erstradio. Das funktioniert nur regional, von einem nationalen Inforadio hält Wertz nichts. „Da sind Sie nicht nah genug an den Menschen dran.“ Naja, möchte man sagen, der Deutschlandfunk funktioniert nicht eben schlecht als nationales Informationsradio.

Aber bevor im Inforadio das ARD-Nachtprogramm zugeschaltet wird, sendet die Welle für den Dunstkreis des Berliner Funkturms, aus dem Pavillon am Theodor-Heuss-Platz. Der ist ein wenig abgesetzt vom Haus des Rundfunks an der Masurenallee. „Alte Hörfunk-Tugenden“ sollen hier gepflegt werden, wo in den langen Fluren der verklinkerten Sendeanstalt nicht alles zur publizistischen Qualität beiträgt. Deswegen sieht der Chef auch „Einsparpotenzial“ hinter einigen der dunkelbraunen Holztüren. Verwaltung. Infrastruktur. Ein weites Thema – aber zurück zum Programm, an dem er nicht so gerne sparen mag, auch wenn die Vorgaben von Intendantin Dagmar Reim innerhalb der RBB-Senderfamilie ein Dogma sind, und sie selbst, wie es heißt, Einsparpotenzial darin sieht, dass die RBB-Hörfunkprogramme immer noch alle ihre eigenen Nachrichten produzieren. Für Wertz wäre es ein Fehler, für alle Wellen dieselben Nachrichten zu machen. Aber wegen der – aus Sicht der öffentlich-rechtlichen Sender – zu niedrig ausgefallenen Erhöhung der Rundfunkgebühr ist der Sparzwang auch im Rundfunk Berlin-Brandenburg groß.

„Wir reagieren mit weiterer Arbeitsverdichtung. Das heißt, dass auch bei uns der Einzelne mehr arbeiten muss.“ So viel, wie etwa Zeitungsredakteure privater Verlage, an denen sich das Inforadio auch sonst gerne orientiert. Denn Wertz sieht im Inforadio die Fortsetzung des seriösen Printjournalismus mit anderen Mitteln. Das klingt im Radioalltag häufig verkürzt, wenn etwa die gruselige Geschichte der neun toten Babys aus Brieskow-Finkenheerd im Zwei-Minuten-Format gesendet werden muss.

Aber oft eben klingt es verständlicher als im Blatt, weil der Zeitungsleser spätestens seit dem Tod von Papst Johannes Paul II. auch weiß, wie der Name des Berliner Kardinals Sterzynski ausgesprochen wird, wenn man ihn mal beim Bäcker trifft. Vorausgesetzt, das Zweitradio war eingeschaltet.

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