Medien : Sender in Tschechien: Die Prager Fernsehrevolution

Ludmilla Rakusan

Wird die tschechische Öffentlichkeit auf die traditionelle Neujahrsansprache ihres Präsidenten im Fernsehen verzichten müssen? Dies ist nicht ausgeschlossen, denn um den Sender Ceska Televize (CT), der in Tschechien auf zwei Kanälen den öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllt, wird seit Tagen erbittert gestritten. So wurde gestern die Neujahrsrede von Vaclav Havel zwar planmäßig von der CT-Nachrichtenredaktion auf der Prager Burg aufgenommen, ob sie jedoch am nächsten Montag ihr Publikum erreicht, darüber wird erst das Fernsehmanagement entscheiden.

Die Nachrichtenredaktion nämlich besteht aus mehreren Dutzend Mitarbeitern, die auf Anweisung des am 20. Dezember vom Fernsehrat überstürzt ernannten Fernsehdirektors Jiri Hodac allesamt gefeuert sind; Strafanzeige wurde ebenfalls gestellt. Es sei seine Pflicht zu handeln, wenn jemand das Eigentum des tschechischen Fernsehens beschlagnahme und sein eigenes Programm produziere, sagte Jiri Hodac in einem Radiointerview. Die Fernsehleute jedoch, unterstützt von Teilen der tschechischen Öffentlichkeit, fordern den Rücktritt ihres neuen Chefs, weil ihm enge Verbindungen zu dem Machtkartell der regierenden Sozialdemokraten CSSD und der Bürgerlich Demokratischen Partei ODS von Vaclav Klaus nachgesagt werden. Klaus bestritt, ein Interesse an Hodacs Ernennung am 20. Dezember gehabt zu haben, beschuldigt die Aufständischen aber, "revolutionäre Methoden" anzuwenden.

Die CT-Mitarbeiter befürchten Einflussnahme von Politikern, halten aus Protest seit dem Heiligabend das Hauptquartier des Senders in Prag besetzt. Eine Sprecherin der revoltierenden Redakteure erklärte, alle Mitarbeiter würden ihre Arbeit fortsetzen. Hodac nutzt unterdessen jede Gelegenheit, um die Ausstrahlung aller "nicht autorisierten Sendungen" zu verhindern.

Für die Fernsehzuschauer in Tschechien bedeutet das nicht selten, dass sie statt Nachrichten lediglich einen schwarzen Bildschirm zu sehen bekommen oder, wie am Mittwoch früh, statt des geplanten Früstücksfernsehens auf dem ersten Programm lediglich die im voraus vorbereiteten Sendungen des zweiten Kanals. Jiri Hodac ist offensichtlich ein Fernsehdirektor ohne Fernsehen, und es gelingt ihm nicht, die Produktion vollwertiger Ersatzsendungen zu sichern.

Mit dem unhaltbaren Zustand wird sich am Donnerstag der Rat für öffentlich-rechtliche Medien befassen. Der Ruf nach Hodacs Rücktritt wird inzwischen immer lauter. Auch Präsident Havel stellte sich hinter die aufständischen Fernsehleute. Während der Aufnahme am Mittwoch sagte er, dass die Ernennung des neuen Fernsehdirektors zwar formell in Ordnung sein mag, sicherlich aber gegen den Sinn des Gesetzes über öffentlich-rechtliche Medien verstoße, denn dieses solle in erster Linie deren Unabhängigkeit garantieren.

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