Sensationsreporter : Der Kick mit dem Klick

Paparazzi benutzen ihre Kameras wie Schusswaffen. Ein ARD-Thriller über die Welt der Promi-Jäger.

Barbara Sichtermann
Paparazzi
Paparazzi: Immer auf der Jagd nach dem besten Motiv. -Foto: ddp

Der Kultgegenstand des Thrillers ist der Revolver. Doch er hat Konkurrenz gekriegt. So hält Paparazzo Gonzo (David Rott) etwas anderes in der Hand, als er in die verbotene Zone eindringt, vorsichtig schleichend, menschlichen Lauten folgend, die auf einen Mord hindeuten könnten, aber auch auf Sex; er macht seine „Waffe“ scharf, er zielt – mit der Kamera. Und er begibt sich, auf Beute hoffend, genauso in Gefahr wie der Einbrecher mit der Knarre.

Konsequent buchstabiert „Paparazzo“ diese Parallele zur Welt der echten Schusswaffen durch: Mit ihren Fotoapparaten und hausfriedensbrecherischer Energie verschaffen sich Gonzo und sein Kumpel Lazlo (Sascha Göpel) Zugang zu privaten Räumen, aus denen sie bloßstellendes Bildmaterial herausschleusen. Logisch, dass die so Beraubten sich zu wehren versuchen – je mehr Geld sie haben, desto effektiver. Und da Gonzo und Lazlo nur bei den oberen Zehntausend auf die Jagd gehen, vorzüglich in der Filmwelt und zwar da, wo für einen Schnappschuss – je privater, desto besser – gleich ein Vermögen gezahlt wird, bleibt es nicht aus, dass beide gefährlich leben. Und dass ihnen dann auch schon mal ein Killerkommando auf den Hals gehetzt wird. Das trägt dann keine Kameras mit sich herum, sondern scharfe Wummen.

Der Zweiteiler „Paparazzo“ von Matthias Seelig (Buch) und Alan Smithee (Regie) verzichtet auf eine Gegenwelt, er spielt ganz und gar unter halbkriminellen Fotografen und ihren Helfershelfern, außerdem noch unter kryptokriminellen Film-Mafiosi, die sich ihre Gesetze selber schreiben. Die Schauplätze heißen Cannes, New York, Mallorca. An der Côte d’Azur tummelt sich während der Festspiele das Völkchen der Ordner, Kellner, Journalisten, Möchtergernstars und Prostituierten; im Hintergrund ahnt man die große Welt der Superstars. Sonst aber bleibt der Film personenarm. Es gibt da eine Schauspielerin namens Li (Agata Buzek), ein Modeltyp: Bohnenstange mit spitzer Nase, schrägen Augen und honigblonder Mähne, hinter der sie alle her sind, die Promi-Jäger an der Croisette, auch Lazlo und Gonzo, denn das schöne Kind umweht ein Hauch von Tragik.

Zwei Jahre war sie verschwunden, und man weiß nicht recht, ob die, die jetzt auftaucht, womöglich eine Doppelgängerin ist. Gonzo kommt der Frau und ihrem Geheimnis auf die Spur, er löst es aber nicht wirklich. Das äußerste Beweismaterial, das er geschossen hat, will er nicht vermarkten, solange er nicht weiß, ob das Mädchen, das darauf ächzt, wirklich Li ist. Zumal man sie kaum erkennt, denn ihr Mund ist mit schwarzem Klebeband verschlossen, der Rest steckt in optisch verzerrendem zellophanartigem Folienmaterial – Ausrüstung für eine S/M-Nummer der besonderen Abart.

Die Leute, die mit einer seriösen Li viel Geld verdienen wollen, sind gegen die Veröffentlichung solcher Bilder. Und sie tun viel, um eine Veröffentlichung des quasi-pornografischen Materials zu verhindern. Aber gleich zwei Morde? Und noch ein – äußerst brutaler – Mordversuch (an Gonzo)? Was dem Film an Personal und Gegenwelt abgeht, das versucht er durch einen Overkill wieder reinzuholen, aber wo Zwischentöne und Zwischenlösungen keine Chance haben, wirken die Extreme bloß banal.

Der Zweiteiler bleibt zu viel schuldig, was zu einer schlüssig erzählten Geschichte auch dann dazugehört, wenn die Szenerien sehr kühl und stylisch sind und wenn die Beschränkung auf nur einen Handlungsstrang und auf eine Handvoll Protagonisten so tut, als sei sie Konzentration auf das Wesentliche.

Die Idee, eine Story von zwei Paparazzi aus ihrer Perspektive zu erzählen, nämlich sozusagen durch das Schlüsselloch, so dass immer ein Teil fehlt, den sich die Zuschauer dazudenken müssen, ist im Prinzip nicht schlecht, in der Umsetzung aber fehlgeschlagen. Gute Paparazzi schießen aussagekräftige Fotos, denen man auch dann entnimmt, was Sache ist, wenn der Fotograf kopfüber in einem Baum gehangen hat. An Aussagekraft aber mangelt es beiden Teilen entschieden. Im zweiten Teil übrigens verrät Gonzo den neuen filmischen Kultgegenstand und kauft sich eine Pistole. Aber es ist zu spät. Ein Thriller wird nicht mehr aus dem Film.

„Paparazzo“, ARD, 20 Uhr 15, heute und am Donnerstag

0 Kommentare

Neuester Kommentar