Serie : Die Pracht der lebenden Toten

„The Walking Dead“: Löst eine Zombie-Welle den Vampir-Boom ab?

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Hungrig. In „The Walking Dead“ bevölkern Untote die Erde. Die sechsteilige Serie basiert auf dem erfolgreichen gleichnamigen Comic des US-Autors Robert Kirkman. Am Freitag läuft sie im deutschen Fernsehen beim Pay-TV-Sender Fox an. Foto: promo
Hungrig. In „The Walking Dead“ bevölkern Untote die Erde. Die sechsteilige Serie basiert auf dem erfolgreichen gleichnamigen Comic...

Es braucht keine drei Minuten, bis klar wird, dass diese Serie Maßstäbe setzt. Ein kleines Mädchen, blond und ganz bleich im Gesicht, mit plüschigen Hasenpantoffeln und Teddybär in der Hand, nähert sich einem Polizisten. Der zögert und entscheidet sich dann für das Unausweichliche: Er schießt dem Kind mitten in den Kopf. Tot. Beziehungsweise: endgültig tot.

Das Mädchen war ein Zombie, wenn auch ein schrecklich niedlicher. Und es wird nicht der letzte Untote sein, den Kleinstadtpolizist Rick Grimes beseitigen muss, um sein eigenes Überleben zu sichern. In der Serie „The Walking Dead“ werden laufend Tabus gebrochen, müssen auch Schutzbefohlene dran glauben. In den USA ist die sechsteilige Serie vergangenes Wochenende mit Rekordquoten gestartet – kein anderes Kabelprogramm hatte dieses Jahr mehr Zuschauer. In Deutschland läuft der Pilot diesen Freitag beim Bezahlsender Fox an. Wann er im Free-TV zu sehen ist, bleibt offen. Die großen Privatsender wollen zunächst den Quotenverlauf abwarten.

Die Handlung mag brutal klingen – das besondere, ja spektakuläre an dieser Serie ist aber gerade, dass sie nicht reißerisch inszeniert wird. Es gibt keine Schockeffekte, keine hektischen Schnitte, keine übertriebene Orchestermusik im Hintergrund. „The Walking Dead“ glänzt gerade in den stillen Momenten. Zum Beispiel, wenn der Familienvater ein leises Schluchzen unterdrückt, als er mit dem Gewehr auf seine unrettbar mutierte Ehefrau zielt. Vordergründig erzählt Regisseur Frank Darabont den Kampf einiger weniger Menschen gegen Horden von Untoten. Tatsächlich kreist die Serie um die Frage, ob und wie Menschen in Extremsituationen funktionieren können. Wie sie sich in einer lebensfeindlichen Umgebung wenigstens ein Stück ihrer Menschlichkeit bewahren. Oder anders gesagt: wie viel Nächstenliebe sie sich leisten können, wenn ihr Nächster sie gerne aufessen möchte. Bevor Rick Grimes, der Kleinstadtpolizist, einem halb verwesten Untoten den Gnadenschuss gibt, drückt er sein Mitgefühl aus: „Es tut mir so leid, was Dir passiert ist“.

Der Zombie war lange Zeit ein mediales Nischenphänomen. Die vergangenen Jahre dominierte der Vampir das Fantasy-Genre, durch die Erfolgsproduktionen „Twilight“ und „The Vampire Diaries“, aber auch durch Unmengen Trivialliteratur. Stets ging es um die unglückliche Liebe zwischen Vampir und Mensch. Der Zombie hat, obwohl er zunächst als die dumpfere, eindimensionalere Figur erscheint, weit mehr zu bieten. In den Klassikern des Genres von George Romero konnte man die Untoten als fleischgewordene Kapitalismuskritik deuten – als hirnlose Konsumenten. Zombie-Filme der Nullerjahre wie „28 Days Later“ von Danny Boyle warfen die Frage auf, ob eine friedliche Koexistenz von Menschen und Zombies denkbar ist – oder noch krasser: ob die verbliebenen Menschen nicht moralisch verpflichtet sind, sich zu integrieren, sobald Zombies die Mehrheitsgesellschaft stellen.

Die Popularität dieser Art von Horror hat in den USA inzwischen ein Ausmaß erreicht, das Außenstehende verstört. Wissenschaftler berechnen in Simulationen, wie rasant sich eine Zombie-Epidemie im wahren Leben ausbreiten würde. Die University of Florida gibt auf ihrer Internetseite Tipps, wie man seine Überlebenschancen unter Untoten steigert. „National Geographic“ spekulierte darüber, ob ein mutierter Tollwut-Virus eine Zombie-Apokalypse auslösen könnte. In Kürze wird der Politikwissenschaftler Daniel Drezner ein Buch veröffentlichen, in dem er die Auswirkungen eines Zombie-Outbreaks auf die Beziehungen der Industriestaaten vorwegnimmt.

Nun also eine Zombie-Serie erstmals im deutschen Fernsehen, wenn auch im Pay-TV. Bei ProSieben und Sat1 will man das Abschneiden der Horrorserie beobachten. Auch in der RTL-Gruppe hält man das Format für vorzeigbar, bei RTL2 oder Vox, nicht in der Prime Time. In den USA gilt die Produktion einer zweiten Staffel von „The Walking Dead“schon als sicher. Regisseur Frank Darabont spricht bereits von bevorstehenden „20 Jahren Zombie-TV“.

„The Walking Dead“, Freitag,

Fox (über Sky), 21 Uhr 45

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