Serie : Wir Chinesen

Neurosen an der Nordsee: Axel Milberg versucht sich wieder als mürrischer „Doktor Martin“ im ZDF. Als wollte er sagen: Wo bin ich denn hier gelandet?

Barbara Sichtermann
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Dr. House in Neuharlingersiel. Thea (Margrit Sartorius) und Doktor Martin (Axel Milberg).Foto: ZDF

Seit „Für alle Fälle Fitz“ und später „Dr. House“ und „Monk“ aus dem angelsächsischen Serienwesen das deutsche Publikum begeistert haben, musste man hierzulande begreifen, dass Ärzte, Psychologen oder Detektive nicht unbedingt die jovialen Gutmenschen zu sein haben, die bei uns in der Schwarzwaldklinik und sonst wo hervorgetreten sind, sondern dass die Serienhelden fies, aggressiv, zwangsneurotisch und gemein sein dürfen, ja, dass gerade solche Eigenschaften sie interessant machen. Auch der mürrische Doktor Martin hat ja sein Vorbild in der BBC. Es ist ein Jammer. Wir sind die Chinesen im Serienwesen. Kopieren ist das einzige, was wir zuwege bringen.

Nun könnte man sagen: besser gut kopiert als schlecht erfunden. Aber das stimmt gerade bei den Serien nicht, die eine Bodenhaftung brauchen, eine heimatliche Scholle, auf der die Eigenart, die Mundart und die Abartigkeit der Leute gedeihen, aus der sich die interessanten Schrullen und Wunderlichkeiten des Personals erklären. Beim „Doktor Martin“-Import hat man mit Ostfriesland und dem Dorfidyll Neuharlingersiel getan, was man konnte, um das Regionale herauszuarbeiten. Ferner hat man mit Dorfdeppen, Dorfschönheiten und streunendem Dorfhund eine quasi-autochthone Dorfeinwohnerschaft herbeizuzaubern versucht – aber irgendwie bleibt all dieses Angestammte pseudo. Man spürt, dass die Grundidee nicht auf eigenem Mist gewachsen ist. Nur die Figur des miesepetrig-verklemmten Doktors überzeugt, allerdings wohl vor allem deshalb, weil der von Axel Milberg verkörperte Medikus Martin mit seinem ständigen Gemecker wie eine – sehr berechtigte – Dauerkritik an der Serie selbst daherkommt. Als wollte er sagen: Wo bin ich denn hier gelandet?

Die erste Staffel war ein Erfolg, Milberg wurde für seine Darbietung mit dem Bayerischen Fernsehpreis geehrt. Da der Hauptreiz der Serie in ihrer Hauptfigur, in deren nach außen hin fast asozialem, zivilisatorische Errungenschaften wie Höflichkeit und Freundlichkeit strikt meidendem Gehabe besteht, wobei das Publikum erfühlen darf, dass da wohl doch irgendwo ein Herz in der Brust dieses Misanthropen schlägt – da dies so ist, muss das Drehbuch (Dominic Minghella) mit einem Plot aufwarten, der die Mehrschichtigkeit im Charakter des Herrn Martin zielstrebig hervortreibt. Der Zuschauer wird von einem Aha-Erlebnis zum nächsten geführt. Aha, der Doktor ist nicht bloß ruppig, er kann auch mal anders. Er ist zwar ein Einzelgänger, aber … Er pfeift auf die Mitwelt, und doch … Bloß, diese Art von Entzauberung und Wiederverzauberung des schwierigen Protagonisten hatten wir schon in der ersten Staffel. Jetzt müsste es irgendwie weitergehen. Martin könnte eine Wandlung durchmachen, er könnte die Dinge aufgrund neuer Erfahrungen anders sehen. Einstweilen ist davon nichts zu spüren. Stattdessen steht das Dorf, freundlich geführt von Regisseurin Claudia Garde, mit seinen Zipperlein Schlange vor der Praxis, und Dr. Martin fertigt es knurrend ab. Dabei stellt er fest: Es ist alles umsonst. „Warum macht in diesem Dorf niemand das, was ich verlange?“ Die Antwort ist einfach: Es sind eben alles Dickköppe, diese Ostfriesen. Bloß: Das bleibt Behauptung. Da kann der Doktor noch so beleidigt gucken.

Das allerdings macht er, zugegeben, mit einem Charme, der das Publikum wohl eine Weile am Bildschirm halten wird. Axel Milberg ist halt eine Type, die seine vorgeschobene Unterlippe und das Leiden an den Widrigkeiten der Welt glaubhaft wie im Selbstversuch vorführt. So was gefällt dem großen Publikum inzwischen besser als der große Übervater und Alleswisser, der vordem in dieser Art Serien den Vorsitz führte. Immerhin ein Fortschritt. Aber warum guckt sich nicht irgendein Stoffentwickler mal an, wie mürrische Doktoren in Ostfriesland oder sonst wo ihr Leben und ihre Praxis führen, statt immer nur zu kopieren, was andere, und seien es noch so erfolgreiche Autoren, jenseits des Kanals entdeckt haben? Die Lebensnähe in Serien hängt nicht nur von pittoresken Schauplätzen (Neuharlingersiel, du meine Güte!) und brillanten Hauptdarstellern ab, sondern auch von Geschichten und Gesichten, die dort gewachsen sind, wo sie spielen und die man nur zu pflücken und zu pflegen bräuchte. Es dürfte genug geben.

„Doktor Martin“, Donnerstag, ZDF, 20 Uhr 15

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