Serien im Netz : Licht aus, Facebook an

Bei Sozialen Netzwerken suchen Fernsehserien alte und neue Fans

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Ich bin drin! Macher und Bewohner der „Lindenstraße“ haben längst das Internet entdeckt. Hajo und Erich (Knut Hinz, l. u. Bill Mockridge) schauen online nach Flugschulen.Foto:WDR
Ich bin drin! Macher und Bewohner der „Lindenstraße“ haben längst das Internet entdeckt. Hajo und Erich (Knut Hinz, l. u. Bill...Foto: WDR/Mara Lukaschek

Die Atomkraft ist tot, es lebe die Kernenergie. Die Bundesregierung hat bekanntlich diese Woche in einem Vertrag mit der Industrie längere AKW-Laufzeiten beschlossen. So etwas ärgert viele, und so etwas hat auch schon mal die Phantasie von klugen Fernsehproduzenten und Autoren in Gang gesetzt. Wer erinnert sich als Fan der ARD-Serie „Lindenstraße“ nicht an die „Licht aus!“-Aktion von Benny Beimer. Im November 1990 hatte der Junge aus Deutschlands bekanntester Fernsehfamilie via TV-Spot zum Stromboykott aufgerufen. Bundesweit sollten Menschen dazu bewegt werden, für fünf Minuten alle Stromgeräte abzuschalten. Oder später die Anti-Atom-Demo der Hans-W.-Geißendörfer-Produktion im Garten des damaligen Umweltministers Töpfer. Schon öfters hat die „Lindenstraße“ realgesellschaftliche und politische Entwicklungen in der Fiktion gespiegelt oder in Aktionen auf der Straße kritisiert.

Hauptthema und realgesellschaftliche Entwicklung Nummer eins in der „Lindenstraße“ ist zurzeit aber die Internet-Community, speziell ein Wohnungsschlüssel, den Helga Beimer (Marie-Luise Marjan) in der vorletzten Folge verloren hat. 25 000 Exemplare dieses Schlüssels mit Anhängeraufschrift „Beimer, 1. OG“ wurden auf Deutschlands Straßen und Plätzen verteilt. Finder können sich online melden und Preise im Wert von rund 25 000 Euro gewinnen.

Eine skurrile Idee zum 25-jährigen Bestehen der „Lindenstraße“, welches Mitte Dezember gefeiert wird. Und ein Beleg dafür, wie wichtig, nicht nur in der Öffentlichkeitsarbeit, das Internet und Soziale Netzwerke für Fernsehserien geworden sind. Vor allem, wenn sie, wie die „Lindenstraße“, schon etwas in die Jahre gekommen zu sein scheinen, von Kritikern als old fashioned oder als allwöchentlicher Untergang des multikulturell angereicherten deutschen Kleinbürgertums belächelt werden.

Eine frische Mitmachaktion also einmal anders. Schlüsselfinden statt Strom sparen. Zum Serien-Jubiläum habe man sich für eine eher unpolitische, dafür aber detektivische Aktion entschieden, die es so noch nie in Deutschland gegeben habe, sagt Wolfram Lotze, Sprecher der „Lindenstraße“. Bis Donnerstag hatten sich 7 500 Schlüsselfinder online eingetragen. Worüber auch auf der Facebook-Seite der „Lindenstraße“ mit ihren 16 000 Fans heftig diskutiert wird. Die Sozialen Netzwerke spielen, so Lotze, eine immer größerer Rolle für die „Lindenstraße“. „Die Zuschauer haben für ihre Kritiken einen ,direkten Draht’ zu ihrer Serie, wir haben die Möglichkeit, die Fans mit Informationen rund um die Serie schnell und aktuell zu versorgen.“

Serien wie die „Lindenstraße“, hat Georg Seeßlen in seinem Buch „Der Tag, als Mutter Beimer starb“ einmal geschrieben, seien für den Tratsch geschaffen, den Nachbarn in die Wohnung, in die Küche, gar ins Schlafzimmer zu schauen. Ähnliches lässt sich auch über die Motivation von so manchem Internetnutzer behaupten. Und selbst wenn sich, Stichwort Konvergenz, durch eine starke virtuelle Präsenz die Einschaltquote der ersten deutschen Seifenoper von derzeit 3,5 Millionen Zuschauern kaum steigern lässt – eine Serie zu drehen, ständig gute Geschichten zu finden, das alleine reicht nicht mehr aus. Auf Facebook oder auch Youtube – da muss man dabei sein und nach der Zahl seiner Website-Aufrufe, Follower, Freunde und Fans schauen.

Die RTL-Serie „Gute Zeiten, schlechten Zeiten“, hat mit ihrer Facebook-Seite rund 25 000 Fans. Laut Frank Kohls von RTL online seien die Überschneidungen mit der eigenen „GZSZ“-Community schwer messbar, die Zahl der registrierten User steige seit der Verknüpfung mit Facebook aber deutlich. RTL erreiche Fans, die bisher nicht unbedingt auf „GZSZ“ standen. Auch zu den RTL-Soaps „Alles was zählt“ und „Unter Uns“ wurden Fanpages bei Facebook eingerichtet. Hier sind die Zahlen allerdings deutlich niedriger. Ähnliches gilt für die ARD-Serien „Verbotene Liebe“ und „Marienhof“ bei Facebook. Eines, sagen die Veranstalter, scheint bei aller Begeisterung für Soziale Netzwerke nicht zu funktionieren: Fernsehserien beim Kurznachrichtendienst Twitter. Licht aus? Twitter aus.

„Lindenstraße“, Sonntag, ARD, 18 Uhr 50.

Oder auch im Internet:

www.facebook.com/Lindenstrasse

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