Sesamstraße : Von Puppen und Menschen

Ernie und Bert bekommen neue Stimmen und eine Wohnung mit Balkon in Hamburg. Ein WG-Besuch.

Simone Schellhammer
Ernie und Bert
In der "Sesamstraße" gehören Ernie und Bert zu den beliebtesten Figuren. -Foto: dpa

Von hier oben hat man einen guten Blick über die Sesamstraße: auf den Obst- und Gemüseladen gegenüber, die Wohnung von Nils und Anette und die Werkstatt von Mehmet. Auf dem orangefarbenen Balkon mit der Ernie-und-Bert-Silhouette werden gerade die ersten von 39 Schlussgags gedreht, die ab November am Ende jeder „Sesamstraße“ laufen. Und Ernie sagt jetzt schon zum sechsten Mal: „Bert, ich muss zum Schlagzeugunterricht. Kannst du solange auf mein Quietscheentchen aufpassen?“ Quietscheentchen muss man nicht füttern, weil sie aus Gummi sind, belehrt ihn Bert, und Ernie erinnert sich: „Ach ja, wie dumm von mir! Aber gib ihm was zu trinken. Am liebsten mag es Früchtetee.“ Und geht weg.

„Gänge sind mit Puppen besonders schwer zu filmen. Und sie sehen immer nur von einer Seite gut aus“, erklärt Jojo Wolff die Herausforderungen des Drehs. Seit sechs Jahren führt er Regie bei der „Sesamstraße“ – Ernie und Bert stehen allerdings erst seit 2006 in Deutschland vor der Kamera, zuvor wurden die Beiträge ausschließlich in den Studios des Sesame Workshops in New York gedreht. Doch abgesehen von den Evergreens kommen die amerikanischen Beiträge nicht mehr so gut an beim deutschen Publikum. Sie sind „zu edukativ“ , wie NDR-Redakteur Dirk Würstl erläutert. „Das ist eher etwas für die Zweijährigen. Wir hingegen versuchen, pädagogische Inhalte stärker über Comedy zu erzählen und so auch die Drei- bis Siebenjährigen anzusprechen.“ Deshalb wird jetzt wieder eine neue Reihe deutscher Ernie-und-Bert-Folgen gedreht.

„Wir hängen ganz schön“, seufzt nach Ernies sechster Wiederholung der Aufnahmeleiter von Studio Hamburg, wo der NDR die Sendung produzieren lässt. Der Kamerakran schwenkt zum siebten Mal über das Sesamstraßen-Schild hinauf zum Balkon, in der Hitze der Scheinwerfer ducken sich Martin Paas und Carsten Haffke am Boden. Haffke spielt Bert, Paas steckt in der Ernie-Puppe und bewegt deren Klappmaul, seine linke Hand hält das Quietscheentchen. „Ernie und Bert sind ein Stück meiner Kindheit und von daher sehr vertraut“, sagt Haffke. Bereits seit 2001 spielt der 41-Jährige auch das Pferd in der „Sesamstraße“.

In Sachen Puppenproduktionen sind Paas und Haffke schon länger ein Team. In der Satiresendung „Hurra Deutschland“ sprachen sie Gerhard Schröder und Helmut Kohl; außerdem war Paas bei der Fußball-WM das oft verulkte Maskottchen Goleo, und Haffke dessen Freund, der Fußball Pille. Als Fernsehautoren betreiben sie die Firma CarMa in Köln. Daher stammen auch rund ein Drittel der Ernie-und-Bert-Sketche aus ihrer Feder. Ernies quietschenden Tonfall und sein Krch-rch-rch-Lachen und Berts oberlehrerhaftes Genäsel haben sie lange einstudiert. In der amerikanischen Version hatte Michael Habeck, die deutsche Stimme von Danny de Vito und Oliver Hardy, Ernie synchronisiert. Bert wurde von Christian Rode gesprochen, der in Filmen auch „Star Trek“-Ikone Spock seine Stimme leiht. Damit die beiden Charaktere jeweils nur mit einer Stimme sprechen, werden sie von Paas und Haffke nachsynchronisiert. Produzentin Bettina Bergwelt ist zufrieden: „Wir finden, die neuen Stimmen klingen frisch und etwas jünger als bisher. Und für die Kinder ist es unerheblich, dass es andere Stimmen als während der letzten 35 Jahre sind.“

Tatsächlich verbindet die Zielgruppe der Drei- bis Siebenjährigen keine nostalgischen Gefühle mit den beiden Schaumstoffköpfen. Doch fragt man sich, welcher Siebenjährige werktags um acht Uhr morgens vor dem Fernseher sitzt. Nur dann läuft die „Sesamstraße“. Montags bis samstags auf dem Kinderkanal, sonntags um 7 Uhr 15 im Ersten. Nicht mehr wie früher um 18 Uhr. Die Quoten waren schlecht geworden. Jetzt im Vorschulprogramm des KiKa sind sie mit 15 Prozent bei den 3–13-Jährigen tatsächlich besser.

Aber selbst wenn die „Sesamstraße“ nicht mehr automatisch zum Pflichtprogramm gehört, freuen sich Schauspieler über einen Gastauftritt darin. In der neuen Staffel werden unter anderem Nora Tschirner, Dirk Bielefeld (alias Herr Holm) und der Comedian Ralf Schmitz zu sehen sein. Er findet: „Eine Gastrolle in der ,Sesamstraße’ ist immer eine Verbindung aus gelebter Kindheit und einer kleinen Ehre. Jeder hat sich doch als Kind gewünscht, genau an der Stelle zu stehen, wo Tiffy und Samson mit Lilo gelacht haben.“ Die Gage der Gäste kommt dabei den SOS-Kinderdörfern zu Gute. „Ich freu’ mich immer, wenn Menschen kommen“, sagt Regisseur Wolff. „Dann wird’s lebendiger.“ Das Schöne an den meisten Menschen ist außerdem, dass sie nicht nur von einer Seite gut aussehen.

„Sesamstraße“, 7 Uhr 15, sonntags, ARD; „Sesamstraße“, 8 Uhr, montags bis samstags, KiKa

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