Medien : „Sexy, sexy, Drama, Drama“

Der Choreograf Bruce Darnell ist der wahre Star der Castingshow „Germany’s Next Topmodel“. Ein Besuch bei einem Mann, der die Frauen zum Laufen bringt und dem eigenen Erfolg misstraut

Yoko Anna Rückerl

Wer Bruce Darnell treffen möchte, muss nach Stommeln. Ein Ort, 20 Kilometer von Köln entfernt, 9300 Einwohner. Der Bahnhof hier ist ein Bahngleis, Taxistände braucht es nicht. Bruce Darnell wartet bei seinem Management, der Modelagentur „fashion4art“. Zehn Minuten läuft man zu dem weißen Haus, vorbei an vielen hübschen Vorgärten. In einem sitzt ein Hasenpaar aus Plastik stramm im adrett gemähten Gras. Man denkt an Bruce, wie er als Jury-Mitglied von „Germany's Next Topmodel“ sein „Glamour Glamour, Glamour“ ruft. Den sucht man vergeblich. Hier soll er also irgendwo wohnen, Bruce Darnell, der Lauftrainer, der Tröster, der Mann der Tränen. Wo genau, das verrät er nicht.

In der Agentur gibt es Küsschen, links und rechts, seine Managerin und langjährige Vertraute Angelika Mester-Witt ist auch da. Kurz wartet die Reporterin, ob sie zum Interview den Raum verlässt, aber Mester-Witt telefoniert weiter und hackt nebenbei auf die Computertasten. Sie trägt einen blonden Pagenkopf – und ist sein ewiger Schatten. Dabei hat man doch das Ziel, ein bisschen Nähe zu schaffen. Rausbekommen, ob wirklich alles echt ist an dem emotionalen Model-Coach Bruce. Sehen, ob der Mann mit fast fünfzig so authentisch ist, wie er sich vor einem Millionenpublikum gibt.

„Germany's Next Topmodel“ schalten im Schnitt 3,3 Millionen Zuschauer ein, das ist ein Marktanteil von 20,4 Prozent in der Kernzielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Es ist die zweite Staffel der Model-Castingshow bei Pro 7 . Model-Mutti Heidi Klum ist schön und konzentriert wie stets, die Mädchen sehen diesmal mehr nach Models aus als in der letzten Show und die anderen Jury-Mitglieder, der Visagist Boris Entrup und der ModelAgent Peyman Amin, sind manchmal unterhaltsam gemein. Der Star der Show aber ist Bruce Darnell. Hat eine Freundin eine Sendung verpasst, fragt sie: „Wollte Bruce wieder ,der ganz hohen Hacken'?“ Und sogar der Freund erkundigt sich nach den Gefühlsausbrüchen von „Drama“-Bruce.

Man redet viel über Bruce, wenig über Heidi. Darnell mag das kaum glauben. „Ich bin kein Star“, sagt er. Vielleicht will er aber nur noch mal hören, dass er einer ist. „Ich bin noch immer unsicher, ich denke, die Leute lachen mich aus.“ Man lacht ja auch, aber wer meint es böse? Bruce ist sympathisch, er ist erfrischend. Der 1,90-Mann ist wahrscheinlich der einzige Mann der Welt, der auf 15 Zentimeter Highheels eleganter läuft als jede Frau. Und der, wenn ihm etwas nahe geht, ganz gleich, ob er sich ärgert oder freut, in Tränen ausbricht. Bruce entwaffnet durch Gefühl. Ob seine Tränen immer echt sind? „Ich liebe Weinen“, sagt er.

Seine Emotionen müssen raus, er kann nichts verbergen. Vielleicht musste er das zu lange. 23 Jahre war er alt, als er erfuhr, dass der Mann, mit dem er aufwuchs, gar nicht sein Vater ist. Geahnt hatte er es schon lange. „Ich habe es immer gespürt, dass ich nicht sein Sohn bin, das merkt man. Aber ich wollte es nicht wahrhaben.“ Die Kinder in der Schule fragten ihn, warum er so anders aussehe als seine Geschwister, die alle von seinem Stiefvater sind. Wer Bruce nach seinem Verhältnis zur Mutter fragt, hört ein knappes „Okay“. Kurz überlegt man, was man tun würde, wenn er jetzt das Weinen anfinge. „Ich war immer auf der Suche danach, wer mein leiblicher Vater ist.“ Gefunden hat er ihn nie.

Ganz aufrecht sitzt Bruce Darnell in einem schwarzen Sessel. Alles an ihm wirkt klar. Er trinkt stilles Wasser und trägt ein weißes Hemd, das aussieht, als hätte er es noch nie angehabt. Er hat ein zartes, glattes Gesicht, seine Finger und Beine sind lang und schlank.

Angelika Mester-Witt guckt von ihrem Schreibtisch auf. Sie fragt, ob er nicht gleich einen Termin in Köln habe. Das soll es also schon gewesen sein? Man selbst muss auch nach Köln, Bruce bietet an, bei ihm mitzufahren. Mester-Witt guckt so, als wäre ihr das gar nicht recht.

Wie Bruce in sein Auto steigt, sieht er so elegant, so geschmeidig aus, als mache er den ganzen Tag Pilates oder Yoga. Die Disziplin, die er in der Show predigt, lebt er auch. Er isst kein Fleisch, treibt viel Sport. „Ich hasse meinen Körper. Was ich schon versucht habe zuzunehmen. Vielleicht klappt es ja mit 60“, sagt er.

Das Auto passt, außen wie innen. Es ist ein schwarzer Audi, dieser Sportwagen, der an ein Ei erinnert, das einen schützend umschließt. Wie es ist, ständig erkannt zu werden? „Man muss ganz schnell laufen, mit Sonnenbrille und Kopf nach unten“, sagt Bruce und lacht. Manche Dinge seien eben kaum mehr möglich. Fußgängerzonen zum Beispiel. „Aber ich bin dankbar.“ Es klingt, als hätte sein Leben erst vor ein paar Jahren richtig begonnen. „Meine Schulzeit war furchtbar. Ich habe immer darauf gewartet, dass die Zeit vorbeigeht und ich abhauen kann.“ Bruce wuchs in Amerika auf, sein Stiefvater war bei der US Army, alle zwei Jahre zog die zwölfköpfige Familie um. Texas, Colorado, Kalifornien, Wisconsin. Man stellt sich vor, wie so ein androgyner, schwarzer Junge vor 40 Jahren auf einem Schulhof in Texas zurechtkommen musste. Er sei der Einzelgängertyp gewesen. „Ich lebte in einer Art Fantasy-Welt, habe mich auf einen anderen Planeten geträumt. Ich war da, aber auch nicht da. Ich habe mir immer gewünscht, auf einem Teil der Erde zu sein, auf dem alle Menschen lieb und tolerant sind.“ Für sechs Jahre ging Bruce zur Army, als Fallschirmjäger, sein Stiefvater wollte es so. Ein richtiger Kerl sollte aus ihm werden. Doch Bruce wehrte sich, mit 20 begann er mit dem Modeln. „Mein Modelleben war eine reine Therapie“, sagt er. Bruce lebte in Mailand, Paris und New York, lief für Kenzo, Issey Miyake und wurde das erste farbige Laufstegmodel für Hermès. „Ich sah diese tollen Jungs, Markus Schenkenberg, Mark Vanderloo. Ich konnte kaum glauben, dass ich nun mit denen laufe. Es war eine positive Explosion!“

Jetzt verfährt sich Bruce, das passiere ihm öfter. „Ich muss mich kurz umkehren.“ Er verzieht dabei keine Miene. Und genau das ist der Moment, in dem man merkt, dass er nicht spielt. Er kann eben nur „Denglisch“ sprechen, und er besitzt das Talent zur Situationskomik. Kein Navigationssystem? „Ich bin gar kein Technik-Typ“, sagt er. „Furchtbar.“ Auch mit Computern kann er nicht umgehen. Gegoogelt hat er sich noch nie. Bei der Frage, ob er immer wisse, was er bei „Germany’s next Topmodel“ sage, schlägt er die Hände vor’s Gesicht, als hätte er sich deshalb schon oft über diesen Bruce Darnell gewundert. „No.“ Er bekomme kein Script. Als er den Mädchen in der Show erklärte, „Der Handetasche muss lebendig sein“, habe das Kamerateam auf dem Boden gelegen vor Lachen. Der selbsterklärte Perfektionist lässt sich nur selten gehen, nur privat, nur unbeobachtet. „Zu Hause, dann zünde ich im ganzen Haus Kerzen an.“ Manchmal höre er auch Jimi Hendrix, renne drei Tage im gleichen Schlafanzug rum und esse Erdbeermarmelade mit dem Löffel.

Wir stehen in Köln an der Ampel, im Auto neben uns, zeigt eine aufgeregte Frau, geschätzte 40 Jahre, auf ihn. Bruce lächelt. „Weißt du, ich bin so dankbar für mein jetziges Leben“, sagt er wieder. Man erinnert sich an einen seiner berühmtesten Sätze „Das ist der Wahrheit.“ In dieser Szene erklärt Bruce seinen Mädchen, dass die Zeit der kleinen Hacken vorbei sei. In der Hand hält er schwindelerregend hohe Highheels. Es sind Schuhe, die schmerzen. Doch auch mit ihnen lernt man laufen. Es dauert nur länger.

„Germany’s Next Topmodel – Das Finale“, Pro 7, Donnerstag, 20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben