Medien : Shakespeare und die Friseusen

„Bis in die Spitzen“ möchte ein vielschichtiges Drama sein und ist doch nur Soap

Simone Schellhammer

Die Figuren dieser neuen Sat-1-Serie wirken, als hätten sie Etiketten auf der Stirn kleben: Jeanette Hain ist die „junge, überehrgeizige Chefin, die einen tiefen Schmerz verbirgt“, verheiratet mit dem „sympathischen Frauenversteher“ (Tobias Oertel) und umgeben von einer „bunten, lustigen Truppe“ von Mitarbeitern, die jeden Morgen mit frechen Sprüchen in den schicken Berliner Friseursalon marschiert kommt. Unter ihnen die beiden Schwestern der Chefin: Heidi, die „arrogante Schöne mit verletzlichem Kern“ und Yvonne mit dem Zweitnamen „die auf die falschen Männer hereinfällt“.

Gegenüber zieht eine Rivalin ein, Mia (Muriel Baumeister), die ist zwar ein intrigantes Biest, doch innerlich – wie kann es anders sein – von großen Verlustängsten geplagt. Sie ist verheiratet mit Finn (Ralph Herforth), auf dessen Visitenkarte „sexsüchtiger Macho mit gebrochenem Herzen“ stehen könnte. Finn ist ausgerechnet die große Ex-Liebe der ehrgeizigen Chefin, die er einst mit 17 schwanger in Neapel sitzen ließ. Um es gleich vorweg zu sagen: Das Kind, das sie danach zur Adoption freigab, taucht im weiteren Verlauf tatsächlich auch noch auf – und das in ihrer unmittelbaren Nähe. Dann sind da noch Rainer, der älteste Freund der Chefin, der für sie die Buchhaltung macht und selbstredend heimlich in sie verliebt ist, und ihre abgehalfterte Mutter, die nur Verachtung für die Tochter und den Ehemann übrig hat. Auch bei ihr steht auf der Stirn: „Ich trage seit Jahren ein dunkles Geheimnis mit mir herum.“

Und so ist es wie bei anderen Seifenopern auch: Hat man sich einmal auf die Figuren und die kruden Konstruktionen eingelassen, möchte man auch wissen, wie sich das Ganze weiterentwickelt. Wird die Chefin mit ihrem Ex-Liebhaber schlafen? Bringt Mia ihren Mann um? Und ist die rotzfreche Azubi vielleicht von adeligem Geblüt? So weit, so soap. Doch „Bis in die Spitzen“ will viel mehr. Es will „Shakespeare im Frisiersalon“ sein, das ganz große Drama aufrollen, Geschichten, die unter die Haut gehen, erzählen. „Ich habe bei manchen Szenen geweint“, sagt Alicia Remirez, stellvertretende Geschäftsführerin von Sat 1, bei der Präsentation. Das ist erstaunlich, denn das Drehbuch verrät seine Personen allzu oft für einen Gag. So erfahren die drei Schwestern von einer wichtigen Wendung, während sie sich allesamt unter einem Bett verstecken, und der nette Buchhalter macht sich plötzlich mit Herta-BSC-Gesängen zum Volldeppen. Immer wenn es heikel wird, fällt irgendeiner Kodderschnauze etwas Witziges ein oder man geht zu einer Sexszene über. Die gibt es zuhauf, und auch das Styling der weiblichen Hauptfiguren wirkt, als wollten sich ständig alle für eine Fotostrecke im „Playboy“ bewerben.

Bei den vielen schicksalhaften Ent- und Verwicklungen, mit denen die 13-teilige Serie aufwartet, glaubt man den Schauspielern sofort, dass die Rollen für sie ein gefundenes Fressen waren. Wo sonst kann man so ausgiebig und saftig in die Gefühlskiste greifen? Wie viel zarter und berührender (und nicht weniger sexy) die Geschichte eines Friseursalons auch erzählt werden kann, zeigt übrigens derzeit die Serie „Venus und Apoll“ von Montag bis Freitag um 20 Uhr 15 auf Arte.

„Bis in die Spitzen“: Sat 1, 21 Uhr 15

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