Show : Samuels Bewegungsfehler

Ein Gutachter entlastet das ZDF bei dem schweren „Wetten, dass...?“-Unfall. Akrobatische Wetten wie die von Samuel Koch kann sich Programmdirektor Bellut aber „nicht mehr vorstellen“.

von
Pech. Der Unfall von Samuel Koch in der „Wetten, dass...?“-Show am 4. Dezember war laut Gutachter eine Verkettung unglücklicher Umstände. Foto: dpa
Pech. Der Unfall von Samuel Koch in der „Wetten, dass...?“-Show am 4. Dezember war laut Gutachter eine Verkettung unglücklicher...Foto: dpa

Gerade erleichtert, ja zuversichtlich wirkte ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut nicht an diesem Mittwochmittag in der Sporthochschule Köln. Dabei konnte der Medienmann, dem sein Vorgesetzter Markus Schächter noch am Tag zuvor den möglichen Weg zum ZDF-Intendantensessel frei geräumt hatte, aus Sendersicht Erfreuliches berichten. Der tragische Unfall, bei dem sich der Wettkandidat Samuel Koch in der „Wetten, dass ..?“-Sendung vom 4. Dezember die Halswirbel brach, ist auf eine „Verkettung unglücklicher Umstände“ zurückzuführen. Was übersetzt heißt: Das ZDF trifft keine Schuld daran, dass ein 23-jähriger Student nach Angaben seiner Ärzte nie wieder normal wird laufen können.

Zu diesem Ergebnis kommt ein wissenschaftliches Gutachten, das das ZDF bei dem Biomechaniker Gert-Peter Brüggemann in Auftrag gegeben hat und nun gemeinsam mit dem Gutachter vorstellte. Brüggemann leitet an der Sporthochschule Köln das Institut für Biomechanik und Orthopädie und war mit seiner Expertise dem ZDF schon öfter zu Diensten. Diesmal sollte er einerseits den Unfallhergang rekonstruieren und andererseits prüfen, ob der Sender das Risiko der Koch-Wette womöglich unterschätzt habe. Nach dessen lebensgefährlichem Sturz in der Liveshow waren Vorwürfe laut geworden, die „Wetten, dass ..?“-Redaktion habe die Wette bewusst angeschärft, was Programmdirektor Bellut in Köln vehement dementierte.

Laut Gutachten haben alle Beteiligten, sowohl das ZDF wie Samuel Koch und sein Team, die Wette „verantwortungsbewusst, gründlich und gemeinschaftlich“ vorbereitet; „notwendige und mögliche Sicherheitsmaßnahmen“ seien eingehalten worden. Allerdings, schränkte Gutachter Brüggemann ein, bestehe „prinzipiell ein hohes Risiko“ bei Salti, wie sie der Wettkandidat vorführte.

Der 23-jährige Schauspielstudent war in der 192. „Wetten, dass ..?“-Ausgabe bei dem Versuch, eine auf ihn zufahrende Limousine auf Sprungstelzen zu überspringen, gestürzt. Er ist seitdem gelähmt. Der Professor rekonstruierte dessen Sprünge anhand von Videomaterial in einer Computersimulation. Als Unfallursache sieht Experte Brüggemann einen Bewegungsfehler von Samuel Koch in der späten Phase des Anlaufs und beim Absprung selbst. Aus unerklärlichem Grund habe Koch beim Anlauf die Hände früher gehoben als in vorherigen Versuchen. Die erforderliche Flughöhe konnte er so nicht erreichen. Kochs Kopf kollidierte mit der Windschutzscheibe des Wagens, den ausgerechnet sein Vater steuerte. „450 Newtonmeter“, so Brüggemann, „kann kein Wirbelgelenk aushalten.“ Der Kandidat müsse bei der Landung auf dem Saalboden bereits bewusstlos gewesen sein. Technisches Versagen etwa der Sprungstelzen schloss der Gutachter aus.

Auch das ZDF selbst hat die KochCausa ausführlich analysiert, von der Einreichung der Wette bis zum Unfallhergang, und die dafür eingesetzte Task-Force, der auch Samuel Kochs Vater angehörte, kam zu demselben Ergebnis: kein schuldhaftes Verhalten der Beteiligten. Trotzdem sieht sich der Sender weiter in der Verantwortung: für das, was passiert ist, und für den verunglückten Kandidaten. „Das ZDF wird ihn weiter betreuen und darauf achten, dass er Hilfe bekommt“, sagte Bellut.

Der Koch-Unfall hat Konsequenzen für die Show. Wettideen sollen künftig nach einer vierstufigen Punkteskala sortiert werden, von „absolut harmlos“ (0) bis „sehr große Vorsicht“ (3). In letztere Kategorie fallen sportive und akrobatische Wetten wie die von Samuel Koch. Die kann sich Programmdirektor Bellut in der Gottschalk-Show „nicht mehr vorstellen“. Zumindest noch nicht. In der nächsten „Wetten, dass ..?“-Ausgabe am 12. Februar in Halle an der Saale soll Schluss sein bei Stufe 2: sportiv, mit Helm und Knieschützern. Ihn packe „im Nachhinein das Grausen“, sagte Bellut noch in Köln, welche gefährlichen Wetten Moderator Thomas Gottschalk in den vergangenen Jahren präsentiert habe. Das neue Kategoriensystem werde zwar das Risiko nicht völlig ausschließen, „aber mit großer Sicherheit“.

Der Programmdirektor glaubt auch, dass die Show, die ihre Zuschauer zunehmend nicht mehr halten kann, auch ohne spektakuläre Einlagen weiter funktionieren werde. Die Sendung lebe ja zum Beispiel auch sehr „von den pfiffigen Wetten“, so Bellut. Was in der 193. „Wetten, dass ..?“-Ausgabe in Halle zu beweisen ist, wenn parallel im Privatfernsehen wieder Menschen in Bratpfannen waghalsig den Eiskanal hinunterjagen oder sich unter Kreissägen legen.

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben