Show : Sturz der Stars

Gottschalk, Kerner, Schmidt oder die Vergänglichkeit des Fernsehruhms. Dabei ist es so einfach: Macht es wie Pilawa!

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Von oben nach unten. Thomas Gottschalk (links) ist bei 1,83 Millionen Zuschauern gelandet, Schauspieler Karsten Speck nach Gefängnisstrafe und Privatinsolvenz pleite.
Von oben nach unten. Thomas Gottschalk (links) ist bei 1,83 Millionen Zuschauern gelandet, Schauspieler Karsten Speck nach...Foto: ARD/Max Kohr

Wagner aufzulegen wäre noch zu früh. „Götterdämmerung“, Sie wissen schon, die große Oper vom heldischen Untergang. Aber Fragezeichen dürfen sein, Fragezeichen, ob die Titanen des deutschen Fernsehens sich ihrem Finale entgegensenden. Kerner, Gottschalk, Schmidt sind die Namen, die einem einfallen können.

Johannes B. Kerner ist mit seinem Magazin „Kerner“ bei Sat 1 gescheitert. Das sollte so werden wie „SternTV“ bei RTL, nur besser. Aber der Versuch blieb im Copy-Modus hängen. Kerner ist deswegen nicht vom Bildschirm verschwunden, er macht weiterhin das „Allgemeinwissensquiz“ und moderiert, sehr gekonnt und mit großer Leidenschaft, Übertragungen von der Fußball-Champions-League. Damit ist mit dem Finale im Mai Schlusspfiff, die Rechte gehen zum ZDF. Dorthin, wohin Kerner nicht wird gehen können.

Der Sender Sat 1 und sein Mitarbeiter waren fest davon überzeugt, dass JBK über seine Dauerpräsenz im Zweiten einen stabilen Stamm an Zuschauern aufgebaut hat, die ihn zu jeder neuen Aufgabe begleiten werden. Senderwechsel aber sind gefährlich, siehe Kerner, siehe Thomas Gottschalk, siehe Harald Schmidt. Und selbst dann gefährlich, wenn das Format mit dem Formatträger wechselt, wie es bei Harald Schmidt der Fall ist. Der Sat-1-Heimkehrer ist längst nicht bei den Zahlen angelangt, die er beim Privatsender vor seinem Wechsel zur ARD hatte, und aktuell hat er nicht die Quoten, die er im Ersten hatte. Am Dienstag waren es 650.000, am Mittwoch 540. 000 Zuschauer, am Donnerstag 830.000. Über Schmerzgrenzen wird bei Sat 1 nicht geredet. Dagegen hat Schmidt nach der Leichenstarre im Ersten beim Privatsender wieder an Beweglichkeit gewonnen, seine Form wächst. Unverändert gibt Schmidt den Welten-Saboteur. Altbekannt – auch altbacken? Warum soll der Star vom Publikum länger an der Fernsehmacht gehalten werden als 16-Jahre-Bundeskanzler Helmut Kohl? Vielleicht ist das die größte Kunst, dass die Leute einer Fernsehfigur nicht überdrüssig werden. Günther Jauch, der Mann der mit den wenigsten (störenden) Eigenschaften, ist so einer, in dieser hektischen Zeit von Zu- und Abwendung vielleicht der einzige.

Die Zuneigung ist volatil geworden, wer erfährt das heftiger als Thomas Gottschalk. Mit „Wetten, dass..?“ im ZDF die ganz große Nummer, ist er in der ARD mit „Gottschalk live“ unter sein Akzeptanzniveau geschrumpft. Im Vergleich der Formate kann das natürlich keine Überraschung sein, überraschend ist, dass die am Montag gestartete Tagesshow weniger und weniger Anziehungskraft entwickelt: Von 4,34 Millionen zu 2,43 zu 2,20 zu 1,83 Millionen Zuschauern, das ist die ernüchternde Bilanz nach der ersten Woche. „Gottschalk live“ wirkt mit seiner Sofa-Dramaturgie wie ein in vier Sendungen zerlegter „Wetten, dass..?“Aufschnitt. SofaGottschalk war nicht die stärkste Nummer im „Wetten, dass..?“-Zirkus. In der „Bild“ vom Freitag bittet (oder bettelt?) Gottschalk „beim Publikum um Geduld und bei den Medien um Nachsicht“. Müssen beide beides aufbringen? Akzeptieren, dass Live-Fernsehen Liveprobe ist? ARD-Programmdirektor Volker Herres geht unverändert vom Erfolg aus.

Macht es wie Pilawa! Jörg P. war und ist überall Mister Quiz. Die Zuschauer lieben diese Art Fernsehen, Pilawa, der von der ARD zum ZDF gewechselt ist, nutzt das aus, Kai Pflaume, der von Sat 1 zur ARD gegangen ist, beweist es, und „Wer wird Millionär?“ wird nie aufhören. Jörg Pflaume, das ist eine Wertmarke. Präzis ausgetimtes Fernsehen. Die Reichweite von Kai Pilawa an Charme und Originalität füllt exakt den Raum zwischen zwei Fragen. Mehr nicht, mehr muss nicht. Pflaume-Pilawa akzeptieren, dass sie Diener der Programmform sind. Es geht um Fragen und Antworten, Verlieren und Gewinnen, der Kreuzworträtsler wird schlauer – Service-Fernsehen eben.

Aktuell wird Jörg Pilawa wieder mit der Nachfolge bei „Wetten, dass..?“ in Verbindung gebracht. Das ist leicht grotesk. Entweder hat der Hamburger bisher all seine Entertainer-Qualitäten unterdrücken müssen, oder Europas erfolgreichste Fernsehshow wird derart neu konfektioniert, dass Pilawas Können und das neue Konzept zueinander passen. Auf jeden Fall wartet auf den Quiz-Sicherheitsfanatiker Pilawa ein großes Risiko.

Einmal Star, immer Star, das ist in den Zeiten der weiter wachsenden Konkurrenz von Programmen, Formaten und Matadoren vorbei. Da hilft es auch nichts, dass das Publikum immer älter wird, das Reservoir an Menschen, die seit langem und pro Tag immer länger fernsehen, wächst. Die müssten ihren Kerners, Gottschalks, Schmidts treu bleiben. Oder sollte sich mit der Krise der Fernsehstars diese erfreuliche Erkenntnis einschleichen ins Fernsehschauen? Dass Alter nicht vor Abwechslung schützt.

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