Medien : Sibirien, Japan, Washington

Klaus Scherer wird neuer USA-Korrespondent – und brilliert als Reisereporter

Carolin Jenkner

Zwischendurch könnte man glatt vergessen, dass es Fernsehen ist. Dann fühlt es sich an, als säße man gerade selbst neben dem Fischer in Kamtschatka, der den rohen Lachs ausnimmt und sorgfältig mit dem Messer zerteilt. Kamtschatka – auf diese sibirische Halbinsel reist kein Mensch. Und genau deswegen war Klaus Scherer für den NDR dort.

In einer zweiteiligen Dokumentation nimmt er den Zuschauer mit von Sibirien über den Kurilen-Archipel bis auf Japans Nordinsel Hokkaido – 4000 Kilometer mit dem Auto, Hubschrauber und Schiff. Es ist Scherers dritte große Reisereportage als NDR-Reporter – und seine schönste. Scherer gehört zu einer neuen Generation von Reisereportern. Er tappt nicht in die Selbstverwirklichungsfalle wie seine älteren Kollegen Wolf von Lojewski, Dirk Sager und Klaus Bednarz, die nur allzu gerne ihrem Gesprächspartner das Mikrofon vor die Nase halten.

Bei Scherer stehen einfache Menschen mit einfachen Geschichten im Mittelpunkt. Die Kamera ist überall dabei. Scherer befragt den Fischer in Kamtschatka, die Rentiernomaden oder die Tanzgruppe nicht nur, er beobachtet sie auch und gibt ihnen Zeit. Er geht mit, wenn sie Bären jagen oder Fische fangen, und lässt sie ihre Geschichte erzählen. Es bleibt Raum für lange Kamerafahrten über die Landschaft. „Das sah aus wie kurz nach der Schöpfung“, sagt Scherer über die Vulkangegend.

Der 45-Jährige trägt im Journalisten-Gespräch nicht mehr sein blau-weiß-kariertes Trekkinghemd wie im Film, sondern einen schlichten dunklen Anzug. Gerade hat er seinen Zweiteiler und das Begleitbuch „Von Sibirien nach Japan“ in Berlin vorgestellt. Im Buch bringt er die Reiseanekdoten, die in den 120 Minuten Film keinen Platz finden. Mit der Ausstrahlung seiner Reisereportage an Ostern geht für Scherer ein kleiner Abschnitt seines Lebens zu Ende. In drei Monaten schon wird er als Nachfolger von „Tagesthemen“-Moderator Tom Buhrow für die ARD aus Washington berichten. Nach drei Jahren Reisereportage kehrt er zurück zu den Nachrichten. Von 1999 bis 2004 war er bereits Tokio-Korrespondent für die ARD. Schon von Japan aus hatte er versucht, nach Kamtschatka zu reisen – vergeblich. Die Gegend war früher militärisches Sperrgebiet der Russen. Für Kamerateams war es unmöglich, eine Genehmigung zu bekommen.

In den USA wartet als Korrespondent nun wieder die harte Politik auf ihn. Der Wahlkampf steht an. „Die Aufgabe ist sicherlich politischer, aber ich will weiterhin filmisch gut arbeiten“, sagt er. „Ich möchte kleine Geschichten erzählen, die für große Geschichten stehen. In Augenhöhe mit dem Zuschauer.“ Im Korrespondenten-Team in Washington hat Scherer „eher die Reisestelle“, wie er sagt. Er will auch das Amerika abseits der Politik vermitteln. „Tagesthemen“-Moderatorin Anne Will traut ihm das zu. Sie hat Klaus Scherer im Volontariat kennengelernt und ist voll des Lobes für ihren Kollegen: „Klaus ist das, was man einen großen Erzähler nennt. Er hat einen wunderbaren Blick für Menschen und deren Geschichten.“ Scherers Frau und die beiden Kinder sind bereit für einen Neuanfang in den USA. Nach drei Jahren in Hamburg heißt es jetzt wieder: Koffer packen. Verwurzelt ist die Familie trotzdem in Deutschland. „Auch wenn ich Hamburg nicht meine Heimatstadt nennen würde“, sagt Klaus Scherer.

Er ist in der Pfalz geboren, seine Frau in München. Beim Sender Freies Berlin hat Scherer volontiert, anschließend dort als Inlandskorrespondent für die „Tagesschau“ gearbeitet, dann in Hamburg für „Panorama“. „Aber meine Kinder waren nie heimatlos“, sagt er. „Sie sind in Tokio geboren und in einer Dorfkirche in der Pfalz getauft worden. Mehr verankert kann man in der Welt nicht sein.“ Und die Chance, nach Washington zu gehen, hätte sich der Familienvater wohl kaum entgehen lassen: Der NDR vergibt die Stelle nur alle zehn Jahre.

„Von Sibirien nach Japan: Mit Klaus Scherer durch ein vergessenes Paradies“, ARD, 2. Teil, Ostermontag, 19 Uhr

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