Medien : „Sie sind alle Nazis“

Aus Ärger über „Telegraph“-Offerte beschimpft „Daily Express“-Chef Springer-Führung

Matthias Thibaut[London]

Von Matthias Thibaut,

London

Mit bizarren Ausfällen gegen Deutsche hat der britische Zeitungsverleger Richard Desmond gestern Peinlichkeit und Empörung ausgelöst und seine Eignung zum Verleger in Frage gestellt – ausgerechnet an dem Tag, an dem er seinen „Daily Express“ mit der Schlagzeile „Es reicht, Mr. Blair“ hinter die konservative Partei rückte. „Daily Telegraph“-Geschäftsführer Jeremy Deedes berichtete gestern in der BBC über den Vorfall. „Es war alles andere als witzig. Es war extrem unangenehm." Desmond hatte die Direktoren der großen britischen Tageszeitung, mit der er gemeinsam eine Druckerei besitzt, mit deutsch geschnarrtem „Guten Morgen“ und „Sehr gut“ überrascht, die Sitzung mit „Sieg Heil“-Rufen unterbrochen und die „Telegraph“-Direktoren wegen der möglichen Übernahme ihrer Zeitung durch den Verlag Axel Springer verhöhnt: „Gefällt es euch, von einem Haufen von fucking Nazis übernommen zu werden“? Der Höhepunkt kam offenbar, als Desmond im Stechschritt mit ausgestrecktem Arm durchs Vorstandszimmer marschierte und als Hitlerschnauzer zwei Finger unter die Nase hielt.

Desmond gilt als Sonderfall unter den britischen Verlegern. Nicht nur, weil er sein Vermögen mit Porno-Homepages und Publikationen wie „Asian Babes“ machte; diese hat er abgestoßen, um sich verlegerisch fit für die Übernahme des „Telegraph“ zu machen. Er habe ihn bisher als exzentrisches Original in Schutz genommen, sagte Deedes, doch „damit ist es vorbei“. BBC-Wirtschaftschef Jeremy Randall über Desmond: „Offenbar ist nun eine Schraube bei ihm locker geworden.“

Mit einem Gebot von angeblich 900 Millionen Pfund liegt Springer derzeit im Kampf um Großbritanniens größte „Broadsheet“- Zeitung gut im Rennen – und hat Desmond lange ausgestochen. Das scheint den „Express“-Besitzer zu ärgern. Aber Desmond, der jüdischer Abstammung ist, hat aus seiner Abneigung gegen Deutsche noch nie einen Hehl gemacht. Erst am Donnerstag schrieb sein „Daily Express“, nur Hitler habe sich das „Monstrum“ ausdenken können, dass Europa im 21. Jahrhundert wurde. Deedes wehrte sich in der Sitzung nach eigenen Angaben mit einer glühenden Verteidigung von Springer: Der Verlag setze sich für die deutsch-jüdische Ausssöhnung ein, außerdem fühle sich der Springer-Journalismus der Unterstützung Israels verpflichtet. Was Desmond mit dem Satz quittiert habe: „Sie sind alle Nazis.“

„Für anständige Briten ist das widerwärtig“, kommentierte betroffen Europaminister Denis MacShane. Aber die ausführliche Berichterstattung der britischen Zeitungen zeigt, dass der Vorfall Teil einer internen Pressefehde ist. Labour müsse erklären, wie man Desmond – der Labour vor ein paar Jahren noch 100 000 Pfund spendete – die Übernahme des „Express“ habe erlauben können, schreibt der „Telegraph“. Er habe die Berichte über eine „konstruktive anderthalbstündige Geschäftssitzung unterhaltsam“ gefunden, sagte ein „Express“-Sprecher.

Deutsche Reaktionen blieben gelassen. Die Commerzbank, die Desmonds Erwerb des „Express“ finanzierte, findet, dass Geschäftsbeziehungen mit solchen Dingen nichts zu tun haben und wollte nicht kommentieren. „Nicht die feinste Stunde der britischen Medien“, sagte der deutsche Botschafter Thomas Mattusek, fand den Vorfall aber für weitere Kommentare zu weit unter der Gürtellinie. Das könnte sich aber ändern, wenn Springer tatsächlich den „Telegraph“ übernehmen sollte. Dann werden die Augenbrauen im Land wirklich hochgehen, wo man amerikanische, australische oder kanadische Medienbarone ohne Wimperzucken hinnimmt. Damit, sagt man in der Londoner Botschaft, werden wir uns dann auseinandersetzen müssen.

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