Medien : Sie war Else Kling

Annemarie Wendl, die Hausmeisterin aus der „Lindenstraße“, ist tot

Joachim Huber

Else Kling war die gefürchteste Hausmeisterin Deutschlands. Dabei war sie eine Fernsehfigur, in der „Lindenstraße“, der Endlosserie der ARD am Sonntag. Else Kling wurde von Annemarie Wendl gespielt, sagenhafte 712 Folgen und 21 Jahre lang. Annemarie Wendl war Else Kling. An ihr, dem „Drachen“, kam in der Lindenstraße 3 keiner vorbei. Das Epizentrum dieser „Weekly“, obwohl die Else Kling anders als Mutter Beimer keine Nette war, sondern ein Schandmaul, das bei allen anderen auf „Sodom und Gomerra“ erkannte – nur bei sich selbst nicht.

Die Else Kling war für die Fans der „Lindenstraße“ das, was der Fernsehtheoretiker Georg Seeßlen einen „medialen Lebensabschnittspartner“ nennt. Mit der Kling wurden Millionen Woche für Woche und dann Jahr für Jahr älter. Hans W. Geißendörfer, der Erfinder und Produzent der „Lindenstraße“, hat mit der Serie einen Fernsehspiegel des normalen, täglichen, kleinbürgerlichen Lebens in diesem Lande aufgestellt. Mehr als nur eine Seifenoper, mehr als nur ein „Nullmedium“, weil bei aller Verkürzung und klischeehaften Verdichtung eben doch das wirkliche Leben durch den Bildschirm hindurchscheint.

Was die grantelnde Else Kling der Annemarie Wendl zur Identifikation anbot, das waren Bildungsferne, Ressentiments und Vorurteile. Wie kann man so jemand mögen, schätzen, ja lieben? Bei der Kling ging das, sie sprach aus, was der Zuschauer bestenfalls im Hinterkopf zu denken wagte, sie war, wie sie da im Treppenhaus stand, die Arme in die Seite drückte und mit bösem Blick, das schlechtere Ich des Zuschauers. Von ihr wurden die übergeordneten Themen der „Lindenstraße“ – Rassismus, Ausländerwahlrecht, Homosexualität, Alte ins Altersheim, die krebskranke Ossifrau – auf eine handhabbare, handfeste Ebene heruntergezogen. Sonntagsredner, Gutmenschen ohne Gutsein hatten keine Chance bei diesem „Waschweib“. Ein Feindbild? Ja. Aber eines, das vielleicht mehr von der Wirklichkeit draußen im Lande erzählte, weil sie die Wirklichkeit in das Treppenhaus der Lindenstraße 3 hineinzog. Quasi ihrem eigenen „Elchtest“ unterzog. Wer sich gegen die Kling behaupten konnte, der musste ein Charakter sein. Keiner, nicht einmal die Annemarie Wendl kommt als Else Kling auf die Welt. Annemarie Wendl wurde 1914 in Trostberg/Oberbayern geboren. Ihre Schauspielausbildung begann sie in Berlin. Danach spielte sie viele klassische Theaterrollen, darunter an Bühnen in Augsburg, Bonn, Innsbruck, München, Berlin, Bamberg und Ingolstadt. Aber dann, 1985, kam das Angebot, in die „Lindenstraße“ einzuziehen.

Neben der anstrengenden und bis ins hohe Alter diszipliniert erfüllten Serienaufgabe stand sie aber weiterhin auf der Bühne. So ging sie 1997 mit dem Stück „Die Witwe zum Grünen Baum“ auf Tournee. 2001 war Annemarie Wendl in „Sanssouci“ in Berlin zu sehen. Daneben wirkte sie in zahlreichen Fernseh- und Kinoproduktionen mit und münzte ihren Fernseherfolg in lukrative Werbeauftritte um. Natürlich als Else Kling. Wendl selbst bezeichnete ihre Serienfigur als eine der wichtigsten Rollen ihres Lebens. „Über so viele Jahre ein Biest zu spielen und dennoch beim Publikum anzukommen, war eine große Herausforderung für mich.“ Allerdings sei der Charakter Else Klings sicher kein Teil von ihr, „dazu sind wir zu verschieden“.

Und auch nicht. Wendl selbst hat den Abschied der Else Kling bestimmt. In der 1069. Folge der „Lindenstraße“ am 28. Mai dieses Jahres ist die Hausmeisterin ergreifend (und ein bisschen kitschig) auf ihrem Sofa sanft eingeschlafen. Eigentlich hätten die Englein singen müssen. Das können sie jetzt nachholen. Am Sonntag ist Annemarie Wendl gestorben, in ihrer Münchner Wohnung. An Herzversagen. Wie Else Kling. Ob die Wendl nicht doch die Kling war und nur die Wendl gespielt hat?

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