Medien : Siebenmeter für Sportchefs

Der neue TV-Quotenhit Handball – aber was zeigen die Sender nach der WM?

Markus Ehrenberg,Joachim Huber

Wer hätte das vor drei Wochen gedacht: Das WM-Halbfinale der deutschen Handball-Nationalmannschaft gegen Frankreich hat dem ZDF eine Rekordquote beschert. Bis zu 15,34 Millionen Fans verfolgten den Einzug der deutschen Mannschaft ins Endspiel. Die ZDF-Übertragung vom dramatischen 32:31-Erfolg gegen Frankreich nach zweimaliger Verlängerung erreichte am frühen Donnerstagabend im Schnitt 10,64 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 41,3 Prozent. Erstmals übertraf die Quote bei einem Handballspiel die Zehn-Millionen-Zuschauer-Marke. Eine TV-Kulisse wie bei einem deutschen Fußball-Länderspiel. Vor dem WM-Turnier lag die Bestmarke bei 7,92 Millionen Fans beim Olympia-Finale 2004 in Athen.

ARD, ZDF und das Deutsche Sportfernsehen (DSF) reiben sich die Hände. „Diesen Popularitätsschub haben viele nicht für möglich gehalten“, sagt ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz. Die Handball- WM in Deutschland hat sich zu einem TV-Ereignis entwickelt. Dabei hatte der WM-Vermarkter viele Spiele erst in letzter Sekunde im Free-TV untergebracht. Zunächst sollten nur die Partien mit deutscher Beteiligung in den öffentlich-rechtlichen Programmen gezeigt werden. Zehn Tage vor Turnierbeginn einigten sich das DSF und der Rechteinhaber Sportfive auf einen TV-Vertrag. Das DSF brachte 19 Begegnungen. Es hat sich gelohnt. Polen gegen Dänemark, die zweite Halbfinalpartie am Donnerstag, sahen in der Spitze über vier Millionen Zuschauer, im Schnitt 2,16 Millionen. Für das DSF war es nach dem EM-Finale 2004 die zweitbeste Handballquote.

Gute Zahlen für DSF-Geschäftsführer Oliver Reichert. „Die Euphorie wollen wir in die Liga transportieren. Ein erster Schritt ist, dass wir den Beginn unserer Übertragungen am Dienstag auf die Primetime um 20 Uhr verlegen. Wir sind sicher, damit noch mehr Zuschauer erreichen zu können.“ Das DSF hat seinen Rechtevertrag mit der Handball-Bundesliga (HBL) bis 2009 verlängert. Die Übertragung des „Spiels der Woche“ (siehe Kasten) sehen allerdings manchmal nur 300 000 Zuschauer. „Es bleibt abzuwarten, ob die WM-Euphorie auch im sportlichen Alltag Bestand hat“, sagt deshalb auch ZDF-Mann Gruschwitz.

Es ist schon ein Phänomen: Handball ist Volkssport und fristet im Fernsehen ein Nischendasein. Das komplette WM-Turnier brachte nur der Internetanbieter „sportdigital.tv“. Handballfans konnten im Netz alle 92 Spiele gegen eine Gebühr von 19,99 Euro verfolgen. Wenn das bei der Fußball-WM passiert wäre, hätte es einen Volksaufstand gegeben. Genauso wie bei der Qualität der öffentlich-rechtlichen Reporter, denen man stellenweise anmerkte, dass der Handballalltag, dass Kiel oder Gummersbach in „Sportschau“, „Sportstudio“ und „Sport Reportage“ nicht oft vorkommen. Da wurden beim WM-Turnier schon mal Spielernamen verwechselt. Anders bei den DSF-Konferenzen ohne deutsche Beteiligung am Abend, die gewohnt euphorisch aber fachlich fundiert begleitet wurde.

Großer Lichtblick bei den Öffentlich-Rechtlichen : Stefan Kretzschmar an der Seite von Gerhard Delling als ARD-Experte, der seinen Gefühlen nach dem Viertelfinalsieg gegen Spanien freien Lauf ließ. Mit Kretzschmar als eine Art feuriger Günter Netzer müsste sich Handball im Fernsehen doch noch besser verkaufen lassen?

Die ARD, sagt Karl-Günther Wollscheid, Programmgeschäftsführer Sport, will bei den großen Turnieren der Nationalmannschaft auf jeden Fall engagiert bleiben: „Ob Olympia, WM oder EM, das waren und sind immer Highlights. Das laufende Turnier hat das erneut unterstrichen.“ Möglicherweise will das Erste auch mehr Länderspiele übertragen, obwohl, so sagt es Wollscheid, „das immer Freundschaftsspiele sind“.

Was die ARD „derzeit nicht plant“, ist über die „Sportschau“ am Sonntag hinaus größer in die Bundesliga-Berichterstattung einzusteigen. Laut Wollscheid ist das Interesse an Handball in Deutschland immer noch regional beschränkt. Deshalb und wegen des Rückenwindes aus der aktuellen WM „werden wir sehr ausgeprägt in den Dritten Livespiele zeigen oder in großen Blöcken zusammenfassen“.

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