Medien : Singen und schmachten

Modernes Gefühlskino aus Indien: RTL 2 zeigt neue Bollywood-Filme

Martin Bialluch,Patrick Frölicher

Wie üblich endet das Basketballspiel im Streit. Das spricht sich schnell rum im College. Alle Studenten kommen zusammen, es wird gesungen und getanzt, bis sich die Streitenden schließlich versöhnen. Die Konflikte in dem Film „Und ganz plötzlich ist es Liebe…“ werden in bester Bollywood-Manier gelöst. Mit der Erstausstrahlung des indischen Superhits von 1998 (Orginaltitel: „Kuch Kuch Hota Hai“, abgekürzt „KKHH“) eröffnet RTL2 heute seinen Bollywood-Herbst. Der Film ist zwar an amerikanische Collegefilme angelehnt, enthält dennoch alle klassischen Zutaten des indischen Genrekinos: eine dramatische Liebesgeschichte, Comedy, Spannung und natürlich aufwändige Gesangs- und Tanzszenen; inszeniert mit Starbesetzung und wie gewohnt in abendfüllender Länge von satten drei Stunden.

Die neunziger Jahre waren für die größte Filmindustrie der Welt ein turbulentes Jahrzehnt. Nach einer Krise, verursacht durch die Konkurrenz von Fernsehen und Video in den achtziger Jahren, ging es wieder bergauf. „KKHH“, das Regiedebüt von Karan Johar, gehört zu einer neuen Generation von modernen Bollywood-Filmen, mit dem sich auch indische Emigranten identifizieren konnten, und so war dies der erste Film, der auch in Großbritannien und den USA großen Erfolg hatte. Dies lag nicht zuletzt an den beiden Hauptdarstellern: Shah Rukh Khan und Kajol galten als das Traumpaar Bollywoods schlechthin.

Der wachsende internationale Erfolg änderte die Bedingungen daheim: 1998 erkannte die indische Regierung das Filmemachen als eigenständige Industrie an, seitdem dürfen Banken auch Kredite an Filmproduzenten vergeben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass zuvor die indische Mafia einer der größten Geldgeber war. Ihr diente die Filmfabrik als bequeme Geldwaschanlage. Die Professionalisierung erfasste weitere Bereiche, der technische Produktionsstandard und damit auch das Erzähltempo und die Schnittfolgen stiegen beträchtlich. Den alten Glanz der Traumfabrik gewannen die Filme mit einem neuen Look zurück. Wie in „KKHH“ weicht der traditionelle Sari immer öfter einem westlichen Kleidungsstil. Statt des Nationalsports Cricket werden Basketball, Fußball und Beachvolleyball gespielt. Für indische Zuschauer exotische Drehorte wie die Schweiz, der Schwarzwald, Schottland oder europäische Großstädte sind Standard.

Auch die Freizügigkeit nahm zu. Bollywood-Legende Raj Kapoor hatte bereits seit den siebziger Jahren die Grenzen des Darstellbaren vorsichtig erweitert. In seinem letzten Film von 1986 durfte der Hauptdarsteller seiner Partnerin sogar einen sanften Kuss auf die Lippen hauchen. Das sollte eine Ausnahme bleiben, obwohl die staatliche Zensurbehörde daran schon lange keinen Anstoß mehr nimmt. Ein Kinobesuch ist in Indien noch immer ein Familienereignis, zudem soll das ländliche Publikum nicht verschreckt werden.

In den kommerziellen „Masala-Movies“ (Masala = Gewürzmischung) bleibt die Erotik auf die Tanzszenen beschränkt. Aber selbst dort hat sich einiges getan. War früher eine Frau im nassen Sari das Höchstmaß an Freizügigkeit, musste die Erotik mit sich öffnenden Blüten oder Wassertropfen auf Blättern dargestellt werden, so dürfen die Darstellerinnen heute Haut zeigen. Auch Küsse auf Wangen oder Nacken und sehnsüchtige Berührungen sind möglich. Jetzt sind es mehr die politischen oder gesellschaftskritischen Aussagen, die beanstandet werden.

Bei aller Professionalisierung bleibt Bollywood ein Familiengeschäft, Stars wie Shah Rukh Khan, die nicht aus etablierten Familien stammen, sind absolute Ausnahmeerscheinungen. Auch der Vater von Karan Johar ist ein bekannter Produzent. Dass Johar junior sich auf perfekte Familienunterhaltung versteht, hat er auch mit seinem zweiten Film, „In guten wie in schweren Tagen“, bewiesen.

Der Spagat zwischen westlicher Moderne und indischer Tradition der Filme à la „KKHH“ gibt einen – allerdings stark geschönten – Einblick in die indischen Verhältnisse und lässt auch immer mehr nichtindische Zuschauer dem Charme Bollywoods erliegen.

Diese Filme erfüllen noch das Versprechen einer Traumfabrik in Technicolor. Sie erinnern an frühe Hollywood-Filme mit Cary Grant oder Fred Astaire. Als es noch echte, selbstlose Liebe und richtige Kavaliere gab, die bei den umworbenen Frauen genauso gut ankamen wie bei deren Müttern.

„Und ganz plötzlich ist es Liebe ...,“

20 Uhr 15, RTL 2. Weitere Bollywood-Filme: „Nur dein Herz kennt die Wahrheit“, 24. 9., „Denn meine Liebe ist unsterblich“, 3. 10.

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