Medien : Singende Sensen

Radio Kultur[9 Uhr 05],12.Januar[9 Uhr 05]

Ausgerechnet Mecklenburg. Die flachste aller deutschen Provinzen als Brutstätte der künstlerischen Avantgarde. Das jedenfalls behauptet Horst Hussel in seinem Hörspiel "Musik aus Gägelow". Eine wunderbar kauzige leicht angetrunkene, eben echt mecklenburgische Geschichte aus den üppigen Weiten hinter Schwerin. Dort lebte im 19. Jahrhundert Albrecht Kasimir Bölckow. Ein heute völlig zu Unrecht vergessener Komponist, der die Emanzipation des einzelnen Tons propagierte und banale Geräusche in seine Kompositionen einband, lange bevor die Helden der Moderne das zu tun wagten. Hussels Hörspiel basiert auf bisher unentdeckten Tagebüchern des Tonsetzers. Darin pralle Details einer Kunstgeschichte, wie sie sich zwischen Güstrow, Ludwigslust und Parchim ereignet hat. Musikalische Rivalität mit Bayreuth, Intrigen des Schweriner Hoftheaterintendanten von Flotow, dazu ewiger

Ärger wegen des dünnen Biers, das in Mecklenburg ausgeschenkt wird. Und dann sind da noch Bölckows Kompositionen. Wagner rückwärts, möchte man nach dem ersten Höreindruck sagen, von einem Pop-Orchester gespielt. Plus singende Kanarienvögel, gedengelte Sensen und andere emanzipierte Geräuschquellen (Deutschlandfunk, 12. Januar, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz). Auch der Schriftsteller

Peter Wawerzinek, den Beobachter seiner legendären Kneipenperformances im Prenzlauer Berg für ein waschechtes Berliner Original halten mögen, ist in Wahrheit gebürtiger Mecklenburger. Das erklärt vielleicht die raue Fantasie des Autors, die so unerschöpflich ist wie der Himmel über den nördlichen Feldern. Aber natürlich auch, warum Wawerzineks Performances nicht im Staatstheater, sondern in der

Kneipe stattfinden. Der Mecklenburger liebt den Geruch der Scholle. Obwohl das autobiografische Hörspiel "Fallada, ich zucke" die alte Heimat ohne utopischen Glanz erinnert. Im Titel übrigens finden wir den Bezug auf eine weitere Künstlerpersönlichkeit aus Mecklenburg. Ein Genie mit Alkoholproblemen, wie sich beinahe von selbst versteht (Radio Kultur, 18. Januar, 21 Uhr, UKW 92,4 MHz). Aber der böseste Mann, den die DDR hervorgebracht hat, kam in Berlin zur Welt. Stasi-Minister Mielke, der Henker im Ministerrang. Wer das harte Urteil anzweifelt, kann sich von Joachim Walters Feature "Erich Mielke - Ein deutscher Jäger" eines Besseren belehren lassen. Zu hören sind Tonbänder aus den Archiven der Staatssicherheit. Ein Horrortrip in die Dunkelkammern einer deutschen Diktatur.

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