"So auf Erden" im TV : Etwas stimmt mit diesem Pastor nicht

Edgar Selge spielt einen fanatischen Gottesmann, der von seiner Homosexualität überrascht wird. Der Fundamentalismus des Pastors erinnert an den Wanderprediger Johannes Leppich.

Nikolaus von Festenberg
Der Pastor (Edgar Selge, li.) und seine Frau (Franziska Walser) haben den kranken Simon (Jannis Niewöhner) bei sich aufgenommen.
Der Pastor (Edgar Selge, li.) und seine Frau (Franziska Walser) haben den kranken Simon (Jannis Niewöhner) bei sich aufgenommen.Foto: SWR/Eikon Südwest/Christiane Pausch

Sie sprechen dauernd von Gott, aber der Himmel ist so fern. Franziska Walser und Edgar Selge spielen ein Pastorenpaar in einer freikirchlichen Gemeinde. „So auf Erden“ ist ein merkwürdiger Film. Nimmt er christlichen Fundamentalismus zu ernst?

Du lieber Gott, was ist das? Die ersten Bilder dieses Films irritieren. Da tigert der entfesselte Gottesmann Johannes Klare durch die Schäfchen seiner freikirchlichen Gemeinde, als wäre das „Maschinengewehr Gottes“, der jesuitische Wanderprediger der Adenauerzeit, Johannes Leppich, wiederauferstanden. Klare-Darsteller Edgar Selge, unvergesslich als einarmiger Kommissars-Mephisto aus dem Münchner „Polizeiruf“, macht schwer in Frömmigkeit. Seine Predigten schwelgen von der Herrlichkeit Gottes, beschwören die Mitglieder seiner Gemeinde „Der Weg“ zu missionarischer Höchstleistung. Damit sich erfülle die Bitte aus dem „Vaterunser“, dass Gottes Wille geschehe im Himmel „so auf Erden“. Puh.

Der Geschmack von Intoleranz und Sektenmuff

Der Film, geschrieben von Martin Rosefeldt und Pia Marais und inszeniert von Till Endemann („Der Fall Harry Wörz“), beweist Mut. Leppich ist heute peinliche Geschichte. Das Innenleben von Glaubensfanatikern, gar deren Selbstzweifel, stehen nicht im Fokus öffentlichen Interesses. Auch wenn Freikirchen keine Nähe zum Terrorismus haben, schmeckt deren Rigorismus nach Intoleranz und Sektenmuff.

Warum sollen wir Empathie aufbringen für diesen nach außen scheinbar gefestigten und innerlich unsicheren Gottesmann, der mit seiner penetrant aufdringlichen Frömmigkeit und seinen dauernden Bibelzitaten nervt? Warum jemanden bemitleiden, der sich freiwillig in ein inneres Gefängnis begeben hat und zunächst nicht bereit ist, sich seines Verstandes (und seines Gefühls) ohne Anleitung einer in Formeln erstarrten Religiosität zu bedienen?

Weil aber Fernsehkunst dem Ziel der Aufklärung auch dann dienen soll, wenn der Gegenstand der künstlerischen Beschäftigung Aufklärung nicht wünscht. Die Pastorenfigur Johannes Klare, bezwingend von Selge gespielt, folgt einer inneren Linie, die von dogmatisch befohlenem zu einem befreiten Glauben führt. Die Stärke des Films ist es, dass er sich die Zeit für die Darstellung dieser inneren Entwicklung nimmt und den Zuschauer trotz dessen vermutlicher Vorurteile dabei mitnimmt.

Dieser Johannes Klare ist alles andere als sein Rollenname sagt. Das Amen, das er nach seinen heiligen Sermonen seiner Gemeinde zuschmettert, ist zu laut, um wirklich befreit zu wirken. Auf seinem Gesicht stellen sich die Züge echter Entspanntheit nicht ein. Das Verhältnis zu seiner Frau Lydia (Franziska Walser, mit der Selge im wirklichen Leben verheiratet ist) wirkt verkrampft und von Schuld belastet. Etwas stimmt mit diesem Pastor nicht.

Das Objekt der Begierde

Da kommt zu den beiden freikirchlichen Berufserlösern auf einmal ein wirklicher Erlöser. Aber so, wie es das Alte Testament für das Erscheinen des Messias vorhersieht: in der Nacht. Das heißt: Nicht als Engel, sondern als Verlorener. Der Straßenmusiker Simon (Jannis Niewöhner) begeistert das ehelose Pastorenpaar, als es in der Innenstadt freikirchliches Missionsmaterial verteilt. Simon erscheint als das Kind, das Lydia in der kinderlosen Ehe nie bekommen hat. Für ihren Mann bedeutet der Musiker in seiner Jungmännerschönheit das Objekt einer nie ausgelebten Lust.

Die Klares wollen Kontakt, aber Simon lehnt zunächst ab. Er will seine innere Freiheit behalten, bis die beiden bibeltreuen Christen dem stolzen jungen Musiker wiederbegegnen. Der torkelt durch die Gegend, bricht zusammen und wird von den Klares in deren Pfarrhaus gepflegt. Simon, so stellt sich heraus, ist drogenabhängig, unzuverlässig und eine Bedrohung für den inneren Frieden der alternden Gottesleutchen. Aber auch unwiderstehlich.

Es folgt die größte Szene des Films. Der Pastor greift in die Tasten, spielt das Lied „Wegweiser“ aus Schuberts „Winterreise“, und Selges dünne Stimme singt: „Eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück“. Ein innerlich Zerrissener ist zu hören. Was der als Zuhörer anwesende Simon gleich begreift und wenig später auch der Zuschauer, nur der Pastor noch nicht und seine Frau wohl nie: Die unbesiegbare Homosexualität des Gottesmannes Klare. Simon und Johannes gehen miteinander ins Bett.

Der Film beschäftigt sich dann lange, manchmal zu lange, mit den inneren und äußeren, letztlich vergeblichen Kämpfen, die der Pfarrer gegen seine Neigungen führt und so auch seinen geliebten Simon quält. Ausgrenzung in der Gemeinde, eine lächerliche und überflüssige Teufelsaustreibung, die Verzweiflung der sich betrogen fühlenden Ehefrau sind die Stationen, die der Pastor bis zum Akzeptieren seiner Sexualität zurücklegt. Dabei weichen Krampf und Zerknirschung in Selges großartigem Spiel. Die Freikirchler bemühen sich, Klare zu akzeptieren, die Ehefrau hält ein großes Plädoyer für Vergebung.

Wenn es „so auf Erden“ zugeht, kann es im Himmel nicht so schlimm sein.

„So auf Erden“, Mittwoch, 20 Uhr 15, ARD

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