Medien : So falsch wie richtig

Erst berichtet, jetzt bedauert: die „Newsweek“-Meldung zur Koran-Schändung

Matthias B. Krause[New York]

Die explosive Meldung war kurz und nicht besonders prominent platziert. In seiner Ausgabe vom 9. Mai berichtete das US-Magazin „Newsweek“ in der Rubik „Perspectives“ in einem einzigen Satz, US-Soldaten hätten auf der Militärbasis in Guantanamo während eines Verhörs einen Koran die Toilette hinuntergespült. Der kleine Hinweis reichte, um in der muslimischen Welt Empörung und Proteste auszulösen. In Afghanistan starben bei gewaltsamen Demonstrationen gegen das von den USA gestützte Karzai-Regime wenigstens 16 Menschen, mehr als 100 wurden verletzt. Im Gaza-Streifen, in Indonesien und in Pakistan gingen die Menschen auf die Straßen. Ägypten, Bangladesch und Malaysia verurteilten die Entweihung der heiligen Schrift, die bei Strenggläubigen als ein todeswürdiges Vergehen gilt. Die Arabische Liga fordert eine Entschuldigung Washingtons. Nun musste „Newsweek“ eingestehen, dass die Meldung möglicherweise falsch war.

„Wir bedauern, dass ein Teil unserer Geschichte nicht korrekt war“, schreibt Chefredakteur Mark Whitaker in der am Montag erschienenen Ausgabe, „unsere Sympathie gilt den Opfern der Gewalt und den US-Soldaten, die sich in der Mitte der Auseinandersetzungen wiederfanden.“ Komplett zurückziehen mochte das Magazin die Meldung jedoch nicht. „Wir wissen nicht, was die ultimativen Fakten sind“, sagte Whitaker in Interviews mit mehreren Medien. Ein Haltung, die ungewöhnlich scharfe Kommentare von Pentagon-Sprecher Lawrence Di Rita nach sich zog: „Das ist eine lauwarme Entschuldigung. Sie schulden uns mehr Verantwortungsbewusstsein, als sie gezeigt haben.“

Doch so klar, wie sie auf den ersten Blick erscheinen, sind die Fronten nicht. Zwar nutzte der sehr populäre pakistanische Cricket-Spieler Imran Khan die „Newsweek“-Meldung während einer Pressekonferenz, um zu verkünden: „Das ist, was die USA tun: Sie entweihen den Koran.“ Ein Kommentar, der sich in den pakistanischen und afghanischen Medien wie ein Lauffeuer verbreitete – kurz danach brachen die gewalttätigen Demonstrationen aus. Doch selbst das US-Militär vor Ort mochte nicht dem simplen Erklärungsmuster folgen, wonach die Meldung für die Unruhen verantwortlich sei. Darauf angesprochen, sagte der Sprecher des Militäroberkommandos, General Richard B. Myers am vergangenen Donnerstag, der leitende US-Kommandant in Afghanistan habe die Verbindung zwischen der Demonstration und dem Artikel heruntergespielt: „Die Gewalt, die wir gesehen haben, hatte nicht unbedingt etwas mit der Empörung über die Entweihung des Korans zu tun. Der General denkt, es gibt keine Verbindung zu dem Artikel in dem Magazin.“

Die „Newsweek“-Redakteure Michael Isikoff und John Barry bestehen darauf, saubere Arbeit geleistet zu haben. Beide sind erfahrende Washington-Berichterstatter. Für ihre Meldung verließen sie sich auf Informationen einer anonymen Quelle aus „leitenden Regierungskreisen“, eine Praxis, die bei US-Medien weit verbreitet ist. Nachdem unter anderen „USA Today“ und die „New York Times“ unter Bezug auf ähnliche Informanten mit Geschichten komplett daneben gelegen hatten, wird die Kritik an dieser Praxis lauter. Außerdem zeigen Leserumfragen, dass diese Fragen einer der Hauptgründe für den Vertrauensverlust in die als seriös eingestuften Medien sind. Die „New York Times“ hat damit begonnen, ihre Handhabung der Informanten zu ändern.

„Newsweek“ besteht jedoch darauf, dass es sich bei ihrer Quelle um eine seriöse und kenntnisreiche handle. Sie habe Einblick in einen Bericht des Südlichen Zentralkommandos des US-Militärs gehabt, in dem von dem angeblichen Koran-Vorfall die Rede sei. Die Reporter legten ihrer Quelle gar die Meldung vor, bevor sie sie veröffentlichten. Das Pentagon leitete daraufhin eine Untersuchung ein, das zumindest der Teil mit dem Koran sich in dem fraglichen Bericht nicht wiederfindet. Die anderen Vorwürfe – zum Beispiel der sexuelle Missbrauch von Häftlingen in Guantanamo – stellten sich jedoch als wahr heraus. Laut „Newsweek“ behauptet die Quelle nun, sie habe eine entsprechende Passage „irgendwo in offiziellen Militärberichten" gelesen.

Der Vorwurf, dass amerikanische Verhörspezialisten mit der Verunstaltung der heiligen Schrift versuchten, Häftlinge zu Aussagen zu provozieren, sind zudem keineswegs neu. Anwälte von Gefangenen auf der US-Militärbasis hatten mehrfach von solchen Praktiken berichtet. Eine Erwähnung im Bericht des Südlichen Zentralkommandos wäre nur die erste offizielle Bestätigung von US-Seite gewesen. „Newsweek"-Chefredakteur Whitaker schreibt in seiner Entschuldigung: „Ich muss betonen, dass es sich nicht um eine Nachlässigkeit bei unserer Sorgfaltspflicht handelt. Wir werden uns weiter mit der verqueren Geschichte befassen.“

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