Medien : So ist es, so muss es nicht sein

Der ARD-Film „Späte Aussicht“ widmet sich den Zuständen in Pflegeheimen

Verena Friederike Hasel

Dass es dem alten Mann nicht gut geht, ist keine Neuigkeit, das hat der Arzt den Pflegern schon vor zwei Wochen mitgeteilt. Nun sagt der Arzt es noch einmal und fügt hinzu, dass ein bisschen Zuwendung für den alten Mann nicht schlecht wäre. Peter Frei, der neue Pfleger im Seniorenheim, steht vor ihm, doch seine Blicke laufen schon, während der Arzt spricht, den Gang hinunter, dann hastet er hinterher, hat nur noch Zeit zu murmeln: „Ich geb’s weiter.“

Da passiert etwas Ungewöhnliches heute Abend im Ersten: „Späte Aussicht“, der Film, aus dem diese Szene stammt, erzählt nicht einfach von X, der Y trifft, die aber – Pech gehabt – Z liebt, und auch nicht von einem Mord, den es aufzuklären gilt. Zwar sterben auch in „Späte Aussicht“ Menschen – aber sie tun dies aus dem gewöhnlichsten aller Gründe, der in den vielen anderen Geschichten, die angeblich vom Leben erzählen wollen, so oft ausgespart wird: Sie sterben, weil sie alt sind. Und davor siechen sie in einem Seniorenheim dahin. Regisseurin Sylvia Hoffman erzählt in „Späte Aussicht“ (Buch: Ariela Bogenberger) Szene für Szene, wie der Alltag in diesen Heimen abläuft. Stellvertretend für den Zuschauer erlebt Peter Frei (Herbert Knaup), wie das ist, wenn das Leben schon vor dem Tod zu Ende ist. Eigentlich ist Peter Frei erfolgreicher Unternehmer, doch seine Tochter Silvia (Anna Maria Mühe) will ihre Ausbildung zur Altenpflegerin hinwerfen, und um ihr zu beweisen, dass man einfach ein bisschen Stehvermögen braucht, verdingt sich Peter Frei selbst als Hilfspfleger.

Dramaturgisch knirscht das beträchtlich; zu offensichtlich ist, dass hier ein Sachthema unbedingt in Filmform gegossen werden sollte. Deutlich ist auch die Verbindung zu dem 2005 erschienenen Buch „Abgezockt und totgepflegt“ von Markus Breitscheidel. Breitscheidel schildert darin seine Erfahrungen, die er als getarnter Pfleger in deutschen Pflegeheimen machte. Filmautorin Bogenberger ließ sich von ihm beraten, und so kehren Szenen aus seinem Buch wieder, etwa dass eine Pflegerin wegen der Überlastung des Personals der Heimaufsicht einen anonymen Hinweis gibt, diese dann aber nach der Kontrolle nur Marginalien bemängelt.

Vielleicht setzt „Späte Aussicht“ gerade aufgrund von Breitscheidels Erfahrung die großen Fragen so dicht, zum Beispiel wie man mit einem Alzheimerkranken umgeht, der meint, er sei auf dem Weg nach Brüssel. Spielt man mit und lotst ihn zurück ins Heim, indem man ihn versichert, man buche dann gleich seinen Flug? Die typischen TV-Film-Fehler macht „Späte Aussicht“ dennoch; so wünscht man sich, dass Autoren ihre Figuren nicht mehr mit Fotos reden lassen würden, um den Zuschauer etwas über ihre Vergangenheit mitzuteilen. So gesteht Peter Frei dem Foto seiner Mutter, dass er sie tatsächlich selten im Heim besucht hat. Ebenso hätte man die grantige Pflegerin nicht noch dick und unansehnlich gewollt.

Doch wie der Film in seinem Verlauf zeigt, hat Autorin Ariela Bogenberger ihre Figuren gern und will ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Vor allem aber hat sie eine Botschaft und sprengselt in den „So sieht es aus“-Grundton immer wieder kleine „Wie wäre es wenn“-Szenen ein: Sie träume von einem Ort, sagt die Pflegerin Agnes Engelhardt (Suzanne von Borsody), wo die alten Menschen ausschlafen dürften und, falls sie Messer und Gabel nicht mehr halten könnten, mit den Fingern essen würden. Im Abspann läuft dann das Lied „What a wonderful world“, und das ist so dick aufgetragen, dass man gut eine Schicht Kitsch mit dem Spachtel abkratzen könnte. Doch das kann man „Späte Aussicht“ verzeihen, heute Abend ist keine Filmkunst im Fernsehen zu sehen, dafür aber eine Menge Herz.

„Späte Aussicht“, ARD, 20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar