Medien : So nah, so fremd

Erinnert an die junge Jeanne Moreau – die Schauspielerin Nadeshda Brennicke

Markus Ehrenberg

Samstag früh um zehn im Café, keine gewöhnliche Zeit für Schauspielerinterviews, schon gar nicht im Prenzlauer Berg. Nadeshda Brennicke ist kein Nachtmensch. Sie ist überpünktlich, sitzt allein im Hinterzimmer, hat die Milchkaffees schon bestellt. Nadeshda Brennicke in Wirklichkeit – Pulli, Jeans, zierlich, eher blass, schmale Schultern, die Haare brünett. Die Brennicke im Film – blond, auch zierlich, aber oft beunruhigend verletzbar, schonungslos, vor allem in den Rollen, die sie bekannt gemacht haben.

Sie sagt: „Ich habe Spaß, mich da rein zu geben und in diesen Rollen ganz konsequent zu sein. Ich habe diesen Figuren die Seele gegeben, die sie verdient haben.“ Sie meint das blonde Busenwunder „Silikon Walli“ im „Polizeiruf 110“, die Prostituierte Jenny in „Hotte im Paradies“ und im Krimi „K3“ eine Kinderärztin, die sich im Edelpuff auspeitschen lässt. Im Grunde genommen: Männerfantasien. Zum einen. Zum anderen: anrührende Figuren mit Herz und viel Seele, die Erwartungshaltungen unterlaufen. Damit hat sich die gebürtige Freiburgerin in die erste Reihe gespielt. 2005 hat Nadeshda Brennicke vier Filme abgedreht, andere Filme. Heute, im ZDF-Drama „Blindes Vertrauen“, zeigt sie normal-bürgerliche Facetten. Dennoch: Anrüchige Figuren wie die Walli oder Jenny gehen einer Schauspielerin länger nach, gerade im Zusammenhang mit einer Brust-OP, die sie vor Jahren hat machen lassen. Ein gefundenes Fressen für Boulevardblätter. Keine Brennicke-Geschichte ohne Busenwunderfragen.

Sie zögert, steckt sich eine Zigarette an. Ganz so einfach war das mit der ersten Reihe nicht. 1991 gleich nach der Schauspielschule das Debüt „Manta – Der Film“. Da kann sie heute nicht mehr hinsehen. 2001 der Grimme Preis für die Rolle der Anne im Thriller „Das Phantom“. „Aber auf einen Film wie ,Hotte im Paradies’ habe ich ein Leben lang gewartet.“ Sie wurde als beste Nebenrolle für den Deutschen Fernsehpreis 2005 nominiert. Sie hat ihn nicht bekommen, ein zweites Mal nicht, wie schon beim „Polizeiruf 110“. „Mich hat das sehr verletzt. Ich wüsste gar nicht, was ich mehr spielen soll als diese ,Jenny’.“ Beim Dreh musste die Schauspielerin vor 40 Hertha-Fans halbnackt im Berliner Rotlichtviertel herumlaufen, Kokain von einem Hintern lecken. „Ich bin bei der Arbeit an mein Äußerstes gegangen.“ Dann: wieder eine Nominierung, wieder kein Fernsehpreis.

An dem Abend hat sie nicht geheult. Aber es sitzt noch tief. Noch eine Zigarette, die x-te. Alles eine Frage der Anerkennung? „Warum wird man denn Schauspieler? Nur aus diesem Defizit heraus, dass man geliebt werden will.“ Wird sie das? Vielleicht hat die 32-Jährige für den deutschen Filmmainstream ein zu spezielles Gesicht. Zu eigenwillig schön. Vielleicht wäre Nadeshda Brennicke in Frankreich ein größerer Star. Dort würde man noch mehr mit ihrem Typ anfangen können. Wenn man länger mit ihr spricht, ihr ins Gesicht schaut, auf die vollen, geschwungenen Lippen, die melancholischen Augen, fällt einem irgendwann die junge Jeanne Moreau ein. Das macht sie verlegen. Sprachlos, zum ersten Mal in zwei Stunden.

Neben der Schauspielerei hat die Brennicke eine zweite Sprache gefunden: Die Musik, zusammen mit einem estländischen Musiker. Hierzulande bekam man wenig davon mit. „Ich hab mich immer dagegen gewehrt, weil das so mein eigenes Ding war. Die Art von Musik, die ich mache, passt nicht zu dem, was man unter der Marke ,Nadeshda Brennicke’ kennt.“

Was ist das eigentlich, die Marke Brennicke? Ganz genau weiß sie das selber nicht. Nur soviel: „Wenn ich nicht die intellektuelle, jüdische Literatenfrau angeboten bekomme, sondern eben die Prostituierte, dann kann ich nach Hause gehen und heulen, oder versuchen, das, was die Leute meinen, in mir zu sehen, so konsequent zu liefern, dass ich meine Figur in keinster Form verrate.“ Es sind die kleinen Gesten wie im TV-Movie heute Abend, Beas Blick auf ihren plötzlich erblindeten Freund, ein Ausdruck zwischen Liebe, Mitleid und Fremdheit. Das spielt sie so intensiv wie kaum eine Zweite in Deutschland.

Die Nähe, die sie zu den Figuren herstellt – im wirklichen Leben zieht sie sich häufig zurück. Sie schwärmt von Natur, von Fluchttieren, ihren fünf schwarzen Araberhengsten, vom frühen Aufstehen, vom Pferdeflüstern. „Es ist ein Riesengeschenk, das der liebe Gott mir gemacht hat, dass ich alleine sein kann.“ Gleich nach dem Gespräch fährt sie raus zu ihren Pferden ins Havelland. Im Januar zieht Nadeshda Brennicke mit ihrem achtjährigen Sohn ganz dorthin. Auch da ist sie konsequent.

„Blindes Vertrauen“, ZDF, 20 Uhr 15

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