SOAP & DOKU : Bis zum letzten Pickel

ProSieben will den Alltag in der Mode- und Modelwelt zeigen – Arte zeigt ihn

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Gleich am Anfang durchschreitet Larissa mit wehender blonder Mähne das sogenannte Luxusloft und stellt zufrieden fest: „Das ist das richtige Leben.“ Larissa, 17, hat in der letzten Staffel der Castingshow „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM) mitgemacht, und eigentlich könnte man annehmen, dass sie inzwischen weiß: nur selten spielt sich das wahre Leben in einer Wohnung ab, die fürs Fernsehen zusammengezimmert wurde. Aber gut, ein Fisch mag ein Aquarium auch für den Ozean halten.

Von ProSieben hat sich Larissa jetzt zusammen mit den vier weiteren Ex-„GNTM“-Teilnehmerinnen Anni, Denise, Sarina und Tessa sowie dem Model Aline Annabelle in ein Loft stecken lassen. „Model-WG“ nennt ProSieben den goldenen – oder besser fliederfarbenen – Käfig und so heißt auch die Sendung, die am Donnerstag startet. Vergleichbar ist sie mit dem RTL-„Dschungelcamp“: Fast in Vergessenheit geratene TV-Gesichter wollen mal wieder dringend im Scheinwerferlicht stehen, absolvieren dafür vor laufender Kamera Prüfungen, am Ende wartet ein Gewinn und vielleicht ein bisschen mehr Aufmerksamkeit. Nur müssen die „Models“ nicht wie im „Dschungelcamp“ Känguru-Hoden essen, sondern im Bikini vor Designern und ihren Assistenten posieren, von denen sie dann als „sexy bitch“ bezeichnet werden, was vielleicht genauso angenehm ist, wie im „Dschungelcamp“ auf echte Ratten zu treffen.

ProSieben will mit der „Model-WG“ den Erfolg fortführen, den der Quotengarant „GNTM“ dem Sender in bereits vier Staffeln beschert hat. Zwei Monate lang wurde dafür das Leben der „Models“ zwischen Laufsteg und Küche, Shooting und Hometrainer begleitet, mit dabei: Peyman Amin, dem kürzlich als „GNTM“-Jurymitglied gekündigt wurde. Er schickt die „Models“ zu Shootings, trocknet Tränen und schlichtet Streit. Doch während all das bei „GNTM“ den Erfolg der Sendung wesentlich ausmacht, nervt es bei der „Model-WG“ nur noch. Denn die Emotionen wirken oft so inszeniert, wie das vermeintliche Ziel, den Alltag von Models zeigen zu wollen. Könnten die „Mädchen“ tatsächlich als Model in der Branche arbeiten, würden sie wohl kaum Zeit für eine solche Sendung haben.

Auch Anni, Zweitplatzierte in der zweiten „GNTM“-Staffel und mit 24 Jahren Dienstälteste in der WG, musste feststellen, dass der Stempel „GNTM“-Teilnehmerin in der Modewelt nicht von Vorteil ist: „Dadurch wird man als Model nicht automatisch hochwertiger, man muss sich genauso beweisen wie alle anderen Mädchen, und es ist in der Branche schwierig, sich einen Namen zu verschaffen“. Sie sei in die „Model-WG“ eingezogen, um zu zeigen, dass „ich nicht weg vom Fenster bin. Fernsehen ist Werbezeit, ich wäre ja blöd, wenn ich das nicht für mich nutzen würde.“ Und ProSieben wäre blöd, wenn es den Erfolg von „GNTM“ nicht bis zum letzten Pickel ausquetschen würde.

Dass das „richtiges Leben“ in der Mode- und Modelwelt ganz anders aussieht, zeigt dafür die Dokureihe „...vor der Show“, die ebenfalls am Donnerstag auf Arte startet. Loic Prigent hat für den Sender einen Blick hinter die Kulissen der vier renommierten Modehäuser Fendi, Jean Paul Gaultier, Proenza Schouler und Sonia Rykiel geworfen – und so nah dran dürften bisher wenige Filmemacher den Designern bei der Vorbereitung ihrer Shows gekommen sein: Karl Lagerfeld, der seit 1956 auch für Fendi arbeitet, lässt in letzter Minute noch einen Mantel aus teurem Zobel umschneidern, Designer Jean Paul Gaultier verwirft mit einer Handbewegung ein Kleid, in dem mehr als 180 Arbeitsstunden stecken, während er seine Schneiderinnen an einem anderen Kleid in einer extra Nachtschicht noch eine Lage Pailletten aufnähen lässt. Es ist eine Welt, die die Bewohnerinnen der „Model-WG“ wohl nie kennenlernen werden.

„Die Model-WG“, 20 Uhr 15, Pro Sieben; „...vor der Show“, 21 Uhr 50, Arte, beide Donnerstag

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