Medien : Soap: Wer Geld hat, ist schlecht. Wer Geld will, ist gut

Georg Seesslen

1. Das Geld. Es gibt moralische und unmoralische Berufe im Fernsehen. Tennislehrern (siehe "Lindenstraße") oder Reitlehrern (siehe "Alle meine Töchter") dürfen wir so wenig trauen wie Intellektuellen (siehe jede beliebige deutsche Serie). Paradoxerweise wird die Eröffnung einer Boutique in deutschen Soap Operas positiv bewertet, das Tragen von Boutiqueklamotten hingegen nicht.

Die deutsche Soap Opera kennt einen Grundwiderspruch zwischen Geld und Moral: Wer Geld hat, ist schlecht. Wer danach strebt, ist es nicht. Frauen in deutschen Serien, die nicht Ärztin oder Gastronomin sind, werden, wenn sie sich "emanzipieren" wollen, Boutique-Besitzerin.

Zur politischen Ökonomie der Serie gehört unabdingbar das, was Gerhard Schröder als "Neue Mitte" erfunden hat. Das Ideal ist der "mittelständische Unternehmer", jener Mensch also, der trotz aller Rückschläge und trotz des prinzipiell widrigen Schicksals immer wieder aufsteht.

2. Die Bilder. Soap Operas haben eine eigene Sprache, die man nicht mit einem Kinofilm, aber auch nicht mit einem Fernsehfilm vergleichen darf. Es ist ein Hörspiel, das mit den Mitteln eines Fotoromans illustriert ist. Allenfalls Sender haben so etwas wie einen Stil. "ZDF-Serien sind leicht erkennbar daran, dass sie nach den immer gleichen Standards ausgeleuchtet werden", schreibt der Kritiker Arnold Hohmann.

Unterscheiden wir zwischen den offenen und den geschlossenen Soap Operas: In der ersten Form (Paradebeispiel: "Lindenstraße") werden soziale Probleme behandelt, wird manchmal sogar in "Echtzeit" auf politisches Geschehen reagiert. In der geschlossenen Soap Opera geht es um die "ewigen Fragen" - wer schläft mit wem, und was hat das für Folgen. "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" ist solch eine Soap. Der Streit zwischen Autoren, Regisseuren und Schauspielern über die Soaps, die zwar ein sicheres Einkommen, aber auch ein künstlerisches Grab bedeuten, ist fest installiert.

Bei "Die Buggy Bande" kam es etwa zum Zerwürfnis mit dem Regisseur Peter Lichtefeld, der ausstieg, nachdem die Redaktion den Beginn der Geschichte änderte, in der ein mürrischer Harald Juhnke aus dem Gefängnis kommt. Das Publikum verlange einen - trotz Gefängnis - fröhlichen Juhnke, so die Redaktion, auch wenn es die Logik der Story auf den Kopf stellt.

Der Hunger des Systems nach jungen Autoren, Regisseuren und Schauspielern steht einer heillosen Furcht gegenüber, die Publikumserwartungen nicht zu erfüllen. Schneller ist das Mainstreaming der Beteiligten nie geliefert worden als in den neunziger Jahren, in denen niemand glaubte, sich radikale Verweigerung leisten zu können. Tatsächlich besitzt Deutschland die größte Serienproduktion Europas. 1997 liefen hier 1815 Stunden eigenproduzierte Serien und Mehrteiler - in Frankreich waren es 576.

3. Sex. Soap Operas haben in der Regel ihre homosexuellen Seitenlinien. Die anderen müssen "akzeptieren", während die Akzeptierten ihr Verhalten den "allgemeinen" Regeln unterwerfen - so dass wir nicht recht wissen, ob in der Soap Opera das Abweichende als das Allgemeine maskiert wird, oder ob nicht gar umgekehrt das Abweichende nur eine Maskierung des Nivellierten ist. Denn erst im Blick der Heldinnen und Helden akzeptieren wir das Andere. Ihr Blick ist unsere Leitwahrnehmung.

Deutsche Soaps und Familienserien sind auf merkwürdige Weise brünftig, hauptsächlich deshalb, damit man etwas zu reden und zu leiden hat. Protagonisten der deutschen Serie sind bemitleidenswerte Triebwesen, die für jedes sexuelle Vergnügen physisch oder psychisch bestraft werden.

4. Jugend. Die Darsteller der Teen-Soap sind nicht bloß jung, sondern auch gutaussehend und gruppendynamisch austariert, so dass es keine unlösbaren Probleme und Ausgrenzungen gibt. "Gut" werden die Helden vor allem dadurch, dass sie sich für die Natur einsetzen - zum Beispiel, wie "Die Strandclique", nicht zulassen, dass ein Pfahlbau abgerissen wird, um ein Restaurant an seine Stelle zu setzen. Teen Soaps funktionieren wie Boy- oder GirlGroups. Ein Repertoire an Identifikationsangeboten, die nach Bedarf ergänzt werden. Die "Lindenstraße" erzieht uns zum Guten, die Teen Soap produziert Wunsch- und Hassbilder.

Es ist eine besondere Art von Pornografie, die Teen-Serien verbreiten, eine Mischung aus sexueller Katastrophenphantasie und medialer Renommiersucht. So erzählt der Schauspieler Daniel Wiemer über seine Rolle in "Verbotene Liebe": "Meine Rolle beschränkt sich darauf, dass ich alle Frauen aus der Serie in die Kiste kriege. Normal ist das nicht. Der Typ soll 16 sein! Als ich 16 war, bin ich froh gewesen, wenn sich wenigstens eine für mich interessierte."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben